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Mai 1850
Berührungen bringt, die nie zu vernachlässigen sind. diesen Abend traf ich
dr. löhner im leseverein und ging lange mit ihm spatzieren, zum ersten-
mahle seit 1848, er denkt ans Auswandern, sieht schwarz und roth und ist
voll verhaltenem ingrimm. Wir Alle haben seit 2 Jahren Blut gerochen und
unsere nerven gestählt, vielleicht hat die vorsehung das Jahr 1848 nur als
vorspiel und Abrichtung angesehen.
[Wien] 16. mai
der kaiser ist auf seiner ganzen route, von dem bisher so loyalen Wiener
neustadt angefangen, ziemlich schlecht empfangen worden. triest, das so
auffallend begünstigte, macht natürlich eine Ausnahme. vielleicht hilft
dieses ihm die Augen öffnen. man spricht auch von einer ernsten brouillerie
zwischen radetzky und grünne.
der fürstenkongreß in Berlin scheint ziemlich einig, es soll demnächst
das reichsministerium, gagern an der spitze, ernannt werden und das er-
furter Parlament wieder zusammentreten, womit dann der engere Bund
definitiv fertig wäre. Dagegen machen wir in Frankfurt Fiasco. Preußen
vollendet zuerst seine union und wird dann frankfurt beschicken, um dar-
aus noch weiter soviel nutzen zu ziehen als möglich.1 rußland hat sich in
dieser frage für Preußen und gegen uns ausgesprochen, wie man sagt und
mir sehr glaublich erscheint, nun da den guten felix schwarzenberg sein
herr und meister im stiche läßt, wird er vollends herumrennen wie ein
herrenloser hund und vor aller Welt zum gelächter werden. in dem letzten
ministerrathe hier am 7. wollten er und sein Bedienter Bach allen ern-
stes in sachsen einrücken und krieg gegen Preußen, doch krauss schnürte
den Beutel zu.2 die finanzlage wird immer schlechter und schlechter. der
Bericht der Bankcommission hat dieses erst recht constatirt, ohne hinrei-
chende mittel der Abhülfe anzugeben.3
1 der seit 8.5.1850 in Berlin tagende fürstenkongress der 26 unionsstaaten konnte sich
nicht auf die Annahme der am 13. bzw. 17. April von den beiden häusern des erfurter
Parlaments angenommenen verfassung einigen, beschloss jedoch, die union bis 15. Juli zu
verlängern. österreich dagegen hatte am 26.4.1850 alle deutschen staaten zu einem Bun-
deskongress nach frankfurt eingeladen, um die frage der Zentralgewalt nach Auslaufen
des österr.-preußischen interims am 1.5.1850 zu erörtern. nachdem österreich die Bedin-
gung, dass die unionsstaaten ihre stimmen durch Preußen als vorstand gemeinschaftlich
abgeben würden, abgelehnt hatte, nahm neben den nicht zur union gehörenden Bayern,
Württemberg, sachsen, hannover und vier kleinstaaten lediglich kurhessen am Bundes-
kongress teil, der am 10. mai in frankfurt eröffnet wurde.
2 Wenn Andrians informationen stimmen, muss es sich um eine informelle, jedenfalls nicht
ins Protokoll aufgenommene Debatte gehandelt haben. Vgl. das offizielle Protokoll in Die
Protokolle des österreichischen ministerrates 1848–1867. ii. Abt., Bd. 3 (Wien 2006) 24–28.
3 der Abschlussbericht der im märz 1850 eingesetzten, aus vertrauensmännern aus den
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien