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Tagebücher364
Andererseits wirkt die unzufriedenheit über die kirchen-gesetze immer
tiefer und weiter, die drückenden steuern, ungarn, siebenbürgen, die im-
mer nicht enden wollende Anarchie der verwaltung auch in den sogenann-
ten organisirten Ländern etc., lauter Dinge, die immer drohender und fin-
sterer sich zusammenziehen.
indessen fange ich an eine Partey zu organisiren, meine Brochure wirkt
immer nachhaltiger, besonders in den Provinzen. die grenzboten hatten
neulich einen vortrefflichen practisch gehaltenen Artikel darüber,1 die
grätzer Zeitung eine Aufforderung an alle Patrioten sie zu beherzigen,2
beynahe alle in- und sehr viele ausländische Zeitungen Aufsätze darüber,
neulich sogar die ministerielle deutsche reform in Berlin einen leitartikel
über meine Behandlung der deutschen frage.3 Brochuren über die von mir
angeregten Punkte werden vorbereitet, ebenso ausführlichere Besprechun-
gen in den Journalen. vielleicht mache ich den sommer rundreisen, Zang
ist in Brünn, wo egbert [Belcredi] und hingenau sitzen, ich habe ihnen
das losungswort gegeben: schonungsloser Angriff auf Bach. leider habe
ich den Wanderer, dessen sich schwarzer nunmehr ganz bemächtigt hat,
nicht mehr so in der hand wie vor ein paar monaten, doch habe ich durch
seidlitz noch immer einen fuß darin. dagegen ist kuranda mein feind und
beobachtet in der ostdeutschen Post ein hartnäckiges stillschweigen. die
gründe dieser feindschaft datiren aus dem Jahre 1848, aus frankfurt und
eisenach.4
kronländern bestehenden kommission zur reform der nationalbank war mit 26.4.1850
datiert. die reformvorschläge wurden vom ministerium weitgehend ignoriert.
1 die grenzboten. Zeitschrift für Politik und literatur 9 (1850), i. semester, ii. Bd., 225–229:
Andriani’s Programm: centralisation und decentralisation. die rezension beginnt mit:
„die kleine Broschüre […] ist ein ereigniß für oestreich. ihr verfasser, Baron von Andri-
ani, dessen klarer und kräftiger geist seit dem Jahre 1848 fest auf der idee der trennung
oestreichs von deutschland gestanden hat, stellt sich durch diese schrift an die spitze
einer großen und mächtigen opposition in oestreich, welche sich aus den besonnenen fö-
deralisten aller landestheile bildet.“
2 Ein entsprechender Artikel in der Grazer Zeitung lässt sich nicht finden. Im Gegenteil
heißt es in einer kurzen sammelrezension am 2.5.1850 (die neuesten Broschüren über
oesterreich, Wien 30. April), Andrians Broschüre sei ein „anspruchsloses Büchlein.“
3 deutsche reform politische Zeitung für das constitutionelle deutschland v. 5.5.1850, mor-
gen-Ausgabe: die stellung oesterreichs zu deutschland. Andrians Broschüre wird darin
ausführlich zitiert als gegengewicht zu den „unreifen stimmen“ aus österreich, „die so
häufig herübertönen.“ Der Artikel bezeichnet Andrian als in den letzten Wochen häufig
genannten kandidaten „bei den gerüchten über minister-veränderungen.“
4 Über einen Konflikt mit Ignaz Kuranda in Eisenach während der Reise der Wiener Deputa-
tion nach Frankfurt Anfang April 1848 finden sich keine Hinweise im Tagebuch, vgl. jedoch
Andrians abfällige Beurteilung kurandas in seinen einträgen über diese reise.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien