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Mai 1850
[Wien] 21. mai
es ist nun vollkommen frühjahr geworden, ich denke bald fortzugehen,
vor der hand zwar nur, um einige kürzere coursen zu machen, wie ich
den sommer verbringen werde, weiß ich noch nicht, ins Ausland zu gehen
habe ich kein geld, die cursdifferenz beträgt gerade 1/3. ich werde also
dieser tage nach grätz gehen, wo meine ideen bedeutenden Anklang zu
finden scheinen, vielleicht läßt sich da ein Anfang einer Parthey organi-
siren und auf den nächsten landtag vorarbeiten. ein gleiches werde ich
Anfangs Juny in Brünn versuchen, wo schon bedeutend vorgearbeitet wird.
vielleicht komme ich auch nach Prag. die slavischen organe sind endlich
losgegangen und pflichten mir durchaus bey. Die Union meint nur, ich habe
mich durch zuviele schonung für die verfassung vom 4. märz zu einigen
inconsequenzen verleiten lassen, während die südslawische Zeitung meine
ideen ausführlich mit dem bekannten Palackyschen manifeste vergleicht
und sie ganz übereinstimmend findet.1 dagegen will hingenau in seiner
Brochure auf die unterschiede zwischen Palacky und mir hinweisen.
noch mehr aber erhalte ich mündliche versicherungen der Zustimmung,
ja es ist eigentlich, einzelne regierungsbeamte und systemsnarren (wie
fritz deym) ausgenommen, niemand, der mir nicht zustimmt. elemente zu
einer Partey wären also genug vorhanden, es handelt sich nur darum, sie
zu einer solchen zusammenzufassen, was allerdings nicht leicht ist. Alles
was früher bestand und einer Partey ähnlich sah, ist zerfahren, die Apathie
der großen mehrzahl, die furcht der einen, die reue der Andern, die Ab-
genütztheit vieler unter den Besten, und vor Allem Andern die dummheit
fast Aller erschweren die sache außerordentlich. ich sprach gestern lange
darüber mit stifft, der meine Ansichten vollkommen theilt, er sprach von
einer Adresse an den kaiser in der Art der ungarischen, was ich aber für
unzweckmäßig halten würde. Wir können nicht durch den loyalen (bey hofe
beliebten) klang unserer nahmen gewinnen und noch nicht durch eine hin-
ter uns stehende Partey imponiren. Vielleicht findet im kommenden Monat
auf stiffts gute bey krems eine Zusammenkunft statt.
die deutschen Journale exploitiren natürlich in ihrem, dem kleindeut-
schen, sinne das, was ich über die deutsche frage sagte, und reden viel von
der großen und immer wachsenden Parthey, welche hinter mir stehe. Bey
der schwebe, in welcher jetzt diese frage zwischen Berlin und frankfurt
steht, kann dieses nicht ohne Einfluß seyn, und mein Verhältniß zu Felix
1 südslawische Zeitung [Zagreb] v. 13.5.1850, Palacky und Andriani. der mit dem kürzel
A.e. gezeichnete Artikel stammte vom klagenfurter Priester und Publizisten Andrej ein-
spieler. der Artikel in der ebenfalls auf deutsch erscheinenden Prager „union“ konnte
nicht gefunden werden.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien