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Juni 1850
lich ennuyirte. ich fuhr dann noch bis in das herrlich gelegene Bad tüffer,
wo ich übernachtete und am andern morgen spatzieren ging. um 6 uhr
nachmittag war ich in grätz, den 27., dort blieb ich den 28., 29. und 30.
(frohnleichnamstag), es waren recht angenehme tage, ich sah eine menge
Bekannte: coronini, eynatten, mathilde friederici, toni szápáry, traun
etc.
in grätz hatte ich endlich wieder einen Zweck: den der Bildung unserer
Parthey, fand aber schon viel mehr vorgearbeitet, als ich dachte, die Partey
der provinciellen Autonomie, also eben die meinige, umfaßt dort beynahe
das ganze land, wie wohl beynahe in allen Provinzen, nur mit dem unter-
schiede, daß sie in steyermark schon ziemlich organisirt ist. ihr (vor der
hand seiner stellung wegen im hintergrunde stehender) leiter ist kalch-
berg, der überhaupt der mann des landes zu seyn scheint, ich fand daher
günstigen Boden und wurde mit großer freude aufgenommen, und es wird
in grätz eine Wochenschrift in diesem sinne und zwar schon in nächster
Zeit erscheinen, kaisersfeld ist redacteur,1 ich habe meine unterstützung
zugesagt, und von da soll das netz über möglichst viele kronländer gezogen
werden, als Knotenpunkt dürfte dieses vortrefflich wirken.
stifft hatte noch in den letzten tagen mit mir viel darüber gesprochen,
war noch am 22. lange bey mir gewesen. heute habe ich ihm nun Alles ge-
schrieben. seine ideen, die meinigen und die der steyermärker müssen nun
amalgamirt und abgeklärt werden, wozu eine Zusammenkunft im laufe
dieses monats beytragen soll. Aus kärnthen, mähren etc. sind mir ähnliche
stimmen zugekommen, und ich gehe morgen früh nach Brünn, um dort
ähnliches zu organisiren, kurz allenthalben regt sich das Bedürfniß, sich
auf die nächsten landtage zu rüsten, und allenthalben ist die unzufrieden-
heit mit der regierung allgemein, in den Provinzen hauptsächlich wegen
der administrativen centralisation. Zur förderung dieser Bewegung sind
von hier aus gedruckte circularien an viele notabilitäten in den Provinzen
versendet worden, worin der passus des grenzboten über meine Brochure
abgedruckt ist,2 kurz es geht ziemlich gut vorwärts, ob das Alles zu einem
resultate führen wird, ist bey den unsichern europaeischen verhältnissen
freylich ungewiß. das Alles gemahnt mich lebhaft an das Jahr 1847 und
seine vorgänge.
Am 30. Abends also verließ ich grätz und kam gestern früh hier an. ich
fuhr mit revel, dem neuen sardinischen gesandten hier, abermals ein ex-
1 richtig Moritz v. Kaiserfeld. Andrian dürfte ihn zumindest flüchtig aus Frankfurt gekannt
haben, kaiserfeld war seit Anfang februar 1849 Abgeordneter zur nationalversammlung
für graz.
2 vgl. zu diesem Artikel eintrag v. 16.5.1850.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien