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daran (in welchem falle wir auch ihre leitung nicht so ganz den gratzern
überlassen können) werde von den resultaten unserer Besprechung abhän-
gen, übrigens sey mein rath, frisch drauf los anzufangen. ob sie nun am 1.
oder am 15. beginnt, werden wir sehen.
in ungarn geht es immer schlechter, von dem revirement, das vor 3 Wo-
chen wahrscheinlich war, keine rede mehr. Bach scheint wieder oberwas-
ser zu haben, der hundsfott swieczeny ist wieder nach kaschau zurück-
gesendet worden und wühlt die Bauern auf, die unsicherheit des adeligen
eigenthumes in folge dieser regierungspolitik (welche ganz offen erklärt,
daß sie aus ungarn ein galizien machen wolle), die rechtsunsicherheit
überhaupt, der übermuth des militärs etc. übersteigt alle schranken.
Wenn wir nicht bald landtage bekommen, so weiß ich nicht, was werden
soll, und trotz Allem kann ich nicht glauben, daß das ministerium diese
einberufen wird, da es weiß, daß es damit sein todesurtheil spricht.
Die Reaction wird immer unvernünftiger, die unbegreifliche und boden-
los dumme Preßverordnung in Preußen. dagegen wird rußland immer grö-
ßer und gefürchteter. Preußen und wir sind seine knechte geworden. die
deutschen Fürstlein, Neapel, Toskana, Griechenland, Alles fleht und wim-
mert zum kaiser nicolaus, der orient, die donauländer sind schon so gut
wie sein, c’est un grand homme, unsere leute aber sind kleine hundsfötter.
in frankfurt geht auch nichts vom flecke. Preußen will dem congresse
nicht den charakter einer fortsetzung des Bundestages und Plenums zu-
gestehen, und hat recht.
ich fühle, daß ich sehr gereizt bin, zum theile mag es langeweile und
mangel an hinreichender thätigkeit seyn, ungewisse Aussicht in die Zu-
kunft und dabey doch das gefühl, daß ich, wenigstens vor der hand, nichts
anders habe, woran ich interesse nehmen könnte als die Politik.
die arme louise Praschma ist am 13. in salzburg gestorben. ich war
wieder 2 tage in Baden, wo es aber noch leer und langweilig ist. gestern
spazierte und sprach ich sehr lange, seit 1848 zuerst wieder, mit nandine
karoly im volksgarten, eine gescheidte frau, so gescheidt als eine frau,
und zwar hier, es seyn kann.
kolb hat mir einen Abgesandten, dr. Peschel geschickt und möchte gerne
anknüpfen. Aber meine Bedingung ist: Bruch mit dem ministerium in in-
nerer und äußerer Politik, und dieß wird er schwerlich eingehen. übrigens
ist Bayern der klassische Boden des Particularismus, der reaction, und
vonder Pfordten ein wahrer Wütherich als hanswurst, neulich hat er eben
wieder eine Philippika gegen die armen gothaer1 geschleudert und gesagt:
1 die gemäßigten liberalen, die das preußische unionsprojekt unterstützten, benannt nach
ihrer versammlung von 26.–28.6.1849 in gotha.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien