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37511.
Juli 1850
nigstens ein Programm erscheinen wird. vor der hand genügt es, die An-
und Aufregung zu unterhalten.
nachmittags trennten wir uns, und Alles fuhr nachhause, egbert [Belcredi]
und ich heute früh. Ich denke nun, Übermorgen einen kurzen Ausflug nach
Pesth zu machen, wo ich noch nicht gewesen bin, ohnehin habe ich jetzt ein
paar tage frey, und hier leidet es mich nicht, am 13. gehe ich dann zu stifft
nach rosenau, wo wir jene Arbeit abmachen wollen, er war heute bey mir, und
wir haben dieses so ausgemacht, gegen den 20. dürfte ich zurück seyn.
neues nichts als zunehmende verwirrung im inneren, in ungarn, sie-
benbürgen und italien, heillose Wirthschaft, zunehmender verfall, neulich
sprach mir sogar fischer, der statthalter von linz, offenbar mit Absicht, in
diesem sinne, wenn solche leute abfalllen, muß es arg seyn.
nach Außen steht es nicht besser, nie war oesterreich so gesunken wie
jetzt. rußland haßt und verachtet uns und beherrscht uns doch, medem ist
abberufen, der esel sieht in Bach den regenerator oesterreichs!! Preußen
bleibt fest in seiner unionspolitik, insofern man von einem misérablen kerl
wie der könig so etwas sagen kann. friede mit dänemark,1 schimpflich.
Palmerston hat im Parlamente nach 5tägigen debatten über die auswär-
tige Politik gesiegt, aber nur mit 46 stimmen majorität, es dürfte eine Auf-
lösung oder doch Prorogirung des Parlamentes folgen.
Am 1. sind die neuen gerichte und die neue gerichtsverfassung ins le-
ben getreten, also wieder eine errungenschaft auf dem Papiere mehr, jetzt
wird übrigens die confusion auf dem lande erst recht angehen, da nun erst
die alte Patrimonialverwaltung wirklich aufhört. die gemeinden constitui-
ren sich nun endlich allenthalben, gestern waren 75 gemeinden hier in der
umgebung aus diesem Anlasse erleuchtet, und der kaiser ritt unter schwa-
chem vivatrufen umher. nun wird sich die unhaltbarkeit des gemeindege-
setzes, welches den Bauern alle möglichen staatsgeschäfte zumuthet, erst
zeigen. in Wien werden die Wahlen wohl erst mitte August vor sich gehen,
bis jetzt ist alles stille davon, der sommer ist zu Wahlagitationen nicht
geeignet, inzwischen schleppt sich der Belagerungsstand, der nachgerade
Allen zum ekel wird, fort. – –
[Wien] 11. July
heute mittags bin ich von Pesth zurückgekommen, wohin ich am 6. gegan-
gen war. obwohl ich nur wenige Bekannte dort fand, und diese meistens
1 im frieden von Berlin v. 2.7.1850 zur regelung der schleswig-holsteinischen frage hatte
Dänemark weitgehend seine Forderungen durchsetzen können. Der Konflikt wurde da-
durch jedoch nicht beendet, die herzogtümer erkannten den frieden nicht an und es kam
zu einem neuen Aufstand.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien