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Tagebücher376
von dem wenig interessanten schlage junger flaneurs und bonvivants, so
hat mich doch stadt, land und fahrt sehr interessirt, die spuren der ver-
wüstung überall, namentlich aber in raab, comorn und ofen. Pesth selbst
eine wenigstens momentan abgestorbene stadt, alle menschen gedrückt
und finster, kurz bey jedem Schritte die Erinnerung an die große Tragö-
die des vorigen Jahres. ich habe immer ein besonders lebhaftes gefühl für
ungarn gehabt, als hätte ich ungarisches Blut in meinen Adern. diese ori-
entalisch-poëtische melancholische trauer, welche in diesem Augenblicke
überall hervortritt, frappirte mich, und ich verließ Pesth gestern früh bey-
nahe mit schwerem herzen. dazu die superben frauen.
Während ich in Pesth war, erfolgte plötzlich haynau’s Pensionirung, daß
seit lange reibungen zwischen ihm und dem ministerium existirten, daß
er namentlich Bach, geringer und den übrigen enthusiasten eines polizei-
lichen Beamtenstaates (welche freylich nur unter diesen Beamten selbst
zu finden sind) ein Dorn im Auge war, wußte ich längst. Zugleich hatte er
sich manche eigenmächtigkeiten erlaubt, namentlich zu viele (wenigstens
für die milde seiner majestät und seiner minister zu viele) politisch ver-
ur theilte begnadigt etc. neulich wurde nun der stabsauditor nedelkovich
nach Wien zitirt, um rücksichtlich der nun beginnen sollenden ehemali-
gen deputirten, d.i. der Prozesse wider sie, seine instructionen zu emp-
fangen (!). inzwischen ließ aber haynau diese Prozesse gegen 36 der vor-
nehmsten und meistgravirten schleunigst abmachen und begnadigte sie
dann sämmtlich mit Ausnahme von 4, deren strafe er auf wenige Jahre
herabsetzte. Zwey tage darauf erfolgte in dürren, beynahe beleidigenden
Worten seine „enthebung“ und gleich hierauf, gleichsam um ihm ein Paroli
zu biethen, eine vom kaiser ausgehende Amnestie für 109 verurtheilte,
meist schuster und schneider.1
das war ungeschickt, denn man hat dadurch haynau, der ohnehin we-
nigstens im vergleiche zu geringer und den civilbeamten in ungarn popu-
lär war, nur noch mehr popularisirt. Auch war das Bedauern und die unzu-
friedenheit über seine Absetzung allgemein, und die kaiserliche Amnestie
1 hintergrund der enthebung general Julius haynaus als generalgouverneur und seiner
gleichzeitigen Pensionierung am 6.7.1850 waren lange andauernde kompetenzstreitigkei-
ten mit der regierung, im gegensatz zu Andrians Angaben betrachtete man etwa seine
Amnestiepraxis als zu rigid und willkürlich. den Auslöser bildete sein Widerstand ge-
gen die Anweisung des ministeriums, das urteil im kriegsrechtlichen Prozess gegen die
in Haft befindlichen ungarischen Abgeordneten, die der Absetzung des Hauses Habsburg
am 14.4.1849 zugestimmt hatten, zunächst nicht zu verkünden, sondern zur überprüfung
nach Wien zu senden. haynau betrachtete dies als eingriff in seine kompetenz, worauf das
kabinett seine Absetzung beim kaiser erwirkte. Am tag der entlassung ließ haynau den
Angeklagten das todesurteil verkünden und amnestierte sie gleichzeitig.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien