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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Seite - 385 -
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38523. August 1850 Wien 23. August 1850 ich war neulich 1–2 tage in Baden, um mit dr. habel zu sprechen. ich werde also am 28. oder 29. hinausziehen, um dort 20 Bäder im frauenbade zu neh- men, habe auch schon im hirsch Wohnung bestellt. ich gehe ziemlich ungern hinaus, da mich dieses halbstädtische leben und die Judenwelt in Baden en- nuyirt, auch die Abende schon länger werden. übrigens ist doch Alles besser als hier bleiben, wo hitze, stadtgestank und langeweile einen umbringen, ganz abgesehen die unangenehme gereiztheit, in welche mich Wien immer versetzt, seitdem ich zum müßiggange verurtheilt bin. übrigens ist gabri- elle seit ein paar tagen wieder hier, was mir sehr angenehm ist, und geht nächste Woche mit ihrem hofe in die Weilburg. morgen kommen stifft und egbert [Belcredi], hoffentlich auch noch An- dere, kaisersfeld hat sich bey mir entschuldigt, daß er den franzjosephs- orden erhalten hat. das ministerium habe gehofft, dadurch mißtrauen in das feindliche lager zu bringen, was ihm jedoch mißlingen werde, eben um jeder böswilligen deutung daheim zu entgehen, wolle er sich jetzt aus stey- ermark nicht entfernen. übrigens höre ich, daß vor dem frühjahre an einen landtag nicht zu den- ken sey. die minister meinen, auch noch einen zweyten landtag abhalten zu können, ehe es zum gefürchteten reichstage kommen werde! Auf solange glauben diese schafsköpfe rechnen zu können! ich kann also über meinen Winter verfügen, was mir lieb ist. hier bleibe ich keinesfalls, es würde mich nur physisch und moralisch anstrengen, oh- nehin lege ich keinen großen Werth auf Alles das, was wir thun, organisiren, conspiriren und spintisiren. Alles dieses ist auf die supposition einer friedli- chen entwicklung der dinge basirt, und ich glaube kaum mehr an eine solche. leidenschaft und unverstand nehmen eher zu als ab, und die minister bauen ihre kartenhäuser fort und versäumen gerade das Wichtigste: das volk nach und nach reif und empfänglich zu machen. Was aber inzwischen in einer un- glaublichen Progression zunimmt, das ist die unpopularität des kaisers. rudolph troyer ist am 13. dieses monats in meran gestorben. hier ist es leer, langweilig und so heiß wie den ganzen sommer nicht. ich frühstücke jeden morgen im Paradiesgarten,1 esse im erzherzog carl und sitze meist Abends im casino, das ist mein leben. diesen Abend redete mich im volksgarten ein hauptmann von kinsky2 (ich glaube steinhofer) an, der eine schrift über die ereignisse in italien ge- schrieben hat, die er aber nicht zu veröffentlichen wagt, aber mir mittheilen will. 1 das kaffeehaus im „Paradeisgartel“ auf der löwelbastei. 2 das 47. infanterie-regiment graf Anton kinsky (inhaber seit 1827).
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band II
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
II
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
716
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Tagebücher 1848–1853 7
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