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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Seite - 387 -
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3875. September 1850 angenommen und beschlossen, für ein reichswahlgesetz mit weniger libera- ler grundlage zu agitiren, indem die grundzüge, wie sie in der verfasssung vom 4. märz gegeben sind, mit unseren Zuständen nicht harmoniren. Auch die frage der Pairie wurde besprochen und ausgemacht, für dieselbe zu wir- ken. neulich sprach ich lange mit schmerling, er beklagte sich bitter über Bach und dessen Perfidie, nannte ihn den bösen geist des ministeriums, welcher sich schwarzenberg unentbehrlich zu machen verstünde und diesen nur noch mehr leidenschaftlich und reactionair stimme etc., dagegen aber im ministerium immer mehr Alles gegen sich aufbringe, so daß sein naher sturz nicht unmöglich sey, etc. das heißt wohl: schmerling will minister des inneren werden. nur immer zu, ist Bach abgeschüttelt, so ist immerhin we- nigstens so viel gewonnen. schmerling will mich nächstens in Baden besu- chen, wohin ich diesen nachmittag ziehe. Baden 5. september seit 29. bin ich hier und brauche die frauenbäder (i.e. im frauenbad), habe davon bereits 5 genommen und werde noch 15 nehmen, worüber so ziemlich der ganze monath verstreichen wird. obwol ich bis jetzt meist schlechtes und kaltes Wetter habe, so habe ich doch diese 8 tage recht angenehm zuge- bracht, grâce à deux dames russes qui sont ici, nämlich marie stolypine und olga oustinoff, beyde schwestern von Alexander troubetzkoi, der ebenfalls hier ist. Außer carl reischach und mir sehen sie beynahe niemand, um so mehr sind wir zusammen, essen täglich miteinander im casino, gehen im Park spatzieren und trinken Abends dort thee etc., ein paar Abende war ein spanier aus der suite des don carlos, huerta, da, welcher ganz wundervoll die guitarre spielt und mit großer naivetät und todesverachtung spanisch tanzt und französisch radebricht. die beyden frauen sind ganz außerordent- lich angenehm und liebenswürdig, in dem russischen genre, welchen ich so gerne habe, voll geist, sprechen charmant, ohne den leisesten schatten von pruderie, eher das gegentheil davon, kurz conveniren mir sehr. marie sto- lypine könnte meiner tugend gefährlich werden, wenn sie nur wollte und länger hier bliebe,1 aber leider scheint keines von Beyden der fall zu seyn, in diesen tagen gehen sie fort, und dann werde ich mich wohl tüchtig langwei- len. eine liaison mit einer angenehmen geistreichen frau wäre mir jetzt so nothwendig wie ein Bissen Brot, um mich von allen meinen gedanken und Praeoccupationen zu zerstreuen, die es denn doch nicht verdienen, daß man ihnen den genuß des lebens aufopfert, besonders nicht wenn die Zeit des genießens ohnehin auf die neige geht. so philosophire ich und möchte recht 1 sie war seit 1847 verwitwet.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band II
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
II
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
716
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Tagebücher 1848–1853 7
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