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3875.
September 1850
angenommen und beschlossen, für ein reichswahlgesetz mit weniger libera-
ler grundlage zu agitiren, indem die grundzüge, wie sie in der verfasssung
vom 4. märz gegeben sind, mit unseren Zuständen nicht harmoniren. Auch
die frage der Pairie wurde besprochen und ausgemacht, für dieselbe zu wir-
ken.
neulich sprach ich lange mit schmerling, er beklagte sich bitter über
Bach und dessen Perfidie, nannte ihn den bösen geist des ministeriums,
welcher sich schwarzenberg unentbehrlich zu machen verstünde und diesen
nur noch mehr leidenschaftlich und reactionair stimme etc., dagegen aber
im ministerium immer mehr Alles gegen sich aufbringe, so daß sein naher
sturz nicht unmöglich sey, etc. das heißt wohl: schmerling will minister des
inneren werden. nur immer zu, ist Bach abgeschüttelt, so ist immerhin we-
nigstens so viel gewonnen. schmerling will mich nächstens in Baden besu-
chen, wohin ich diesen nachmittag ziehe.
Baden 5. september
seit 29. bin ich hier und brauche die frauenbäder (i.e. im frauenbad), habe
davon bereits 5 genommen und werde noch 15 nehmen, worüber so ziemlich
der ganze monath verstreichen wird. obwol ich bis jetzt meist schlechtes
und kaltes Wetter habe, so habe ich doch diese 8 tage recht angenehm zuge-
bracht, grâce à deux dames russes qui sont ici, nämlich marie stolypine und
olga oustinoff, beyde schwestern von Alexander troubetzkoi, der ebenfalls
hier ist. Außer carl reischach und mir sehen sie beynahe niemand, um so
mehr sind wir zusammen, essen täglich miteinander im casino, gehen im
Park spatzieren und trinken Abends dort thee etc., ein paar Abende war ein
spanier aus der suite des don carlos, huerta, da, welcher ganz wundervoll
die guitarre spielt und mit großer naivetät und todesverachtung spanisch
tanzt und französisch radebricht. die beyden frauen sind ganz außerordent-
lich angenehm und liebenswürdig, in dem russischen genre, welchen ich so
gerne habe, voll geist, sprechen charmant, ohne den leisesten schatten von
pruderie, eher das gegentheil davon, kurz conveniren mir sehr. marie sto-
lypine könnte meiner tugend gefährlich werden, wenn sie nur wollte und
länger hier bliebe,1 aber leider scheint keines von Beyden der fall zu seyn, in
diesen tagen gehen sie fort, und dann werde ich mich wohl tüchtig langwei-
len. eine liaison mit einer angenehmen geistreichen frau wäre mir jetzt so
nothwendig wie ein Bissen Brot, um mich von allen meinen gedanken und
Praeoccupationen zu zerstreuen, die es denn doch nicht verdienen, daß man
ihnen den genuß des lebens aufopfert, besonders nicht wenn die Zeit des
genießens ohnehin auf die neige geht. so philosophire ich und möchte recht
1 sie war seit 1847 verwitwet.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien