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September 1850
grad voraus, d.h. sie haben die geistige lebhaftigkeit und das interesse an
ihrem lande voraus, welches den unsrigen ebenfalls fehlt, aber auch nur
dieses eine.
so brachte ich z.B. den letzten Abend vor ihrer Abreise bis gegen 3 uhr
morgens bey ihnen zu, in 4, d.i. reischach, der ziemlich wenig an den ge-
sprächen theilnahm, und wir, wir sprachen von Allem, mitunter von den
ernstesten dingen, und die damen mit einem geiste, einer lebhaftigkeit,
daß ich nach einer sechsstündigen conversation ungerne wegging. das sind
Weiber, wie ich sie liebe, lieber etwas weniger tugend und mehr geist.
ich war, und bin es noch, in einer Art katzenjammer, am 7. nach mei-
nem Bade fuhr ich, pour rompre mes habitudes, nach Wien und kam gestern
Abends zurück, besuchte gestern mittags mischka esterhazy in hietzing.
hier war gestern Abends ein großes lächerliches fest, wo franz Palfy, des-
sen kapelle zum letztenmahle spielte, von jungen mädchen mit Blumen be-
kränzt wurde etc., es war zum todtlachen, ich war da mit flore, Zoë Wall-
moden und reischach.
der langweilige, aber nicht so ganz dumme consul schwarz erwartete
mich hier und sprach mir von einem Projekte der böhmischen conservati-
ven, eine große Zeitung zu gründen (zum wievielten mahle?!), von den guai1
des katholikenvereines, von der haltung der sogenannten schwarzgelben
in Wien, welche sich von den am 30. stattfindenden gemeinderathswahlen
ausschließen wollen (die schafsköpfe) etc. gegen die minister ist alle Welt,
nur Jeder aus verschiedenen gründen.
Auch Buscheck, Brucks schwager, den ich aus london kenne und der
eben in Wien ist, besuchte mich neulich hier.
ich besuchte gestern in der stadt Bruck, dem ich wegen einer Zusendung
fallati’s aus tübingen etwas zu sagen hatte. Bruck fing wieder von meinem
eintritte in staatsdienste an und wollte mir die alte geschichte wegen dal-
matien wieder einreden. ich aber erklärte ihm kurzweg, ich hielte Bach für
einen hundsfott und wolle mich mit ihm nicht einlassen, worüber er lachte,
daß ihm der Bauch schüttelte, und die größte freude hatte. so steht es um
die harmonie im kabinette. Zugleich steckt Bruck hinter dem lloyd, dessen
Angriffe auf die Bank und die directoren wieder täglich heftiger und per-
sönlicher werden, aber eigentlich krauss gelten und ihn stürzen sollen. der
eindruck dieser Artikel ist um so größer, als die Banknotenemission wieder
im Zunehmen ist, und das verhältniß zum silber täglich schlechter wird.
das manœuver ist gar nicht so ungeschickt, die haute finance in der Person
der Bankdirectoren durch heftige Angriffe auf sie gegen den finanzminister
zu erbittern.
1 guai (ital.) – Jammereien, Beschwerden.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien