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Oktober 1850
von Berlin kömmt, erzählte mir, daß der könig sich auf das heftigste gegen
schwarzenberg ausgesprochen habe, übrigens hege er noch immer den al-
ten enthusiasmus für oesterreich oder vielmehr das gefühl eines deutschen
reichsstandes (ein gefühl, welches zwar in seinen Ahnen nie sehr lebendig
war) für den sprößling des hauses habsburg, nur sey ihm der nahme eines
kaisers von oesterreich nicht recht. franz Joseph müsse die römische kai-
serkrone wieder aufsetzen, dann werde er der erste sich ihm unterwerfen,
und ebenso deutschland, italien etc., das sind so fromme romantische ideen,
wie sie dem könige eigen sind.
Bach, schmerling und thinnfeld sind ebenfalls auf reisen. mit schmer-
ling sprach ich neulich, er arbeitet emsig daran, mich in die verwaltung zu
bringen, ein paar Wochen will ich abwarten, dann aber gehe ich nach italien,
wohin mich eine große sehnsucht zieht.
hier ist es leer und langweilig. gabrielle ist gestern in die Weilburg gezo-
gen. die lions sind jetzt tom Pouce1 und mlle rachel. diese sah ich zweymal
in Adrienne lecouvreur, es ist eine bezaubernde darstellung.
[Wien] 8. oktober Abends
es ist merkwürdig zu sehen, wie jetzt alle ministeriellen Blätter plötzlich
gegen den Absolutismus volteface machen und in den schönsten Artikeln für
freyheit und constitutionalismus in oesterreich kämpfen. das kömmt aber
jetzt zu spät. die minister haben sich durch ihre ungeschicklichkeit den
mili tärischen Absolutismus, der ihnen jetzt über den kopf wächst, selber
groß gezogen, und nun traut ihnen keiner mehr. die democratische Willkür,
welche sie bisher sub nubes des heeres geübt haben, hat ihnen Alle entfrem-
det: reactionaire, militärs, Aristokratie, Bürgerthum, liberale.
die misérable Brochure Babarczy’s (welcher, merkwürdig genug, eben
jetzt mit dem kaiser reist!) macht unter diesen umständen immer noch von
sich sprechen und ist so eben wahrscheinlich ohne vorwissen des verfas-
sers im Buchhandel erschienen. kurz es scheint, als müsse es nunmehr zum
Bruche zwischen Absolutismus und constitution kommen, und dieses erregt
eine allgemeine spannung. Wem ich unter den jetzigen verhältnissen den
sieg wünsche? wüßte ich kaum zu sagen, beynahe den Absolutisten, denn
deren Widersacher, die jetzt in erster reihe stehen, nämlich die minister,
sind um nichts besser als sie, ja in mancher Beziehung schlechter. der Ab-
solutismus aber, gelänge er zur herrschaft, würde in 6 monathen an seiner
inneren unmöglichkeit zu grunde gehen, und dann – ließe sich etwas ver-
1 der zwergenwüchsige „general tom thumb“ (französisch tom Pouce) – berühmt geworden
im Zirkus Barnum – war eine hauptattraktion in der europäischen und us-amerikani-
schen Zirkuswelt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien