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Oktober 1850
der kaiser ist noch in hohenschwangau und conferirt mit den königen
von Bayern und Würtemberg. schwarzenberg ist bey ihm. Bach und schmer-
ling sind abwesend. daher ist Alles stille, obwohl gerade jetzt die dinge uns
auf die nägel brennen. daher weiß ich auch wegen meiner Angelegenheit
nichts, es wird mir aber immer unwahrscheinlicher, daß sich etwas machen
sollte. Abgesehen davon, daß ich, wie ich auch kein hehl daraus machte,
unter Bach nur sehr ungern eine stellung annehmen würde, gibt es denn
auch meines Wissens nur zwey, welche ich ohne inconsequent zu werden
annehmen könnte: dalmatien und mailand. Bey jenem aber besteht das
alte verhältniß mit Jellachich noch immer, wegen dessen ich im februar
ablehnte, und nach mailand soll, wie ich höre, strasoldo designirt seyn. die
general
direction hingegen, welche mir die liebste stellung wäre, hat einige
besondere schwierigkeiten, welche hauptsächlich in kalchberg’s jetziger
ämtlicher stellung liegen,1 übrigens begegnete ich neulich Bruck und ging
lange mit ihm spatzieren, ohne daß er mir ein Wort darüber gesprochen
hätte. schmerling hatte sich neulich in die idee verbissen, mich schwarzen-
berg zum gesandten nach Athen vorzuschlagen. das wäre zwar nicht übel,
doch glaube ich nicht, daß es sich machen wird.
ich habe übrigens trotz aller der rücksichten, welche mich vor 4 Wochen
bewogen mit schmerling zu reden, jetzt keine große lust in dienste zu tre-
ten. denn es scheint jetzt wirklich zu einer crisis kommen zu müssen, es ist
Alles zu straff gespannt, et les choses vont de mal en pis, im inneren wie im
Auswärtigen. die dinge in Preußen und kurhessen haben keinen schritt
vorwärts gemacht und stehen noch immer auf der kippe. deutschland ist
wie ein vulcan, und selbst die befreundeten königreiche fangen an, auf der
Bahn der reaction, auf welche schwarzenberg sie führt, bedenklich zu wer-
den. das entscheidende Wort wird auch jetzt wieder aus Warschau kommen,
und ich zweifle, ob es uns günstig seyn wird. die incapacität und leiden-
schaft unseres Premiers wird immer mehr erkannt.
im inneren aber sind es die sogenannten Absolutisten (hinter denen aber
noch ganz andere leute, i.e. die vernünftigen conservativen stecken), wel-
che am lautesten und mächtigsten auftreten, und die minister finden, wie
natürlich, nicht eine vertheidigende stimme, am wenigsten unter den bis-
her so gehetzten und verfolgten liberalen, mit denen sie nun wieder coquet-
tiren möchten. ich hätte große lust, in dieser Beziehung aufzutreten, etwa
1 Andrian hatte am 21.9.1850 geschrieben, ein zu schaffender Posten eines generaldirektors
für kommunikationen würde ihm zusagen. ritter franz kalchegger v. kalchberg, wie des-
sen Bruder Josef ein ehemaliger kollege Andrians in der frankfurter nationalversamm-
lung, leitete als ministerialrat die Abteilung für eisenbahnen, Post und telegraphen im
handelsministerium.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien