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Oktober 1850
triguenpolitik, ja man scheint nun hier sogar die Abdankung des kurfürsten
zu wünschen, vermuthlich mit der Arrière-pensée, bey einem thronwech-
sel die dortige verfassung umzustürzen. Auch hannover scheint uns untreu
werden zu wollen. england hat sich entschieden für Preußen erklärt, und
auch die französische Allianz, auf welche man hier in letzterer Zeit sehr zu
rechnen schien, scheint sich in das gegentheil, d.i. in eine Allianz frank-
reichs mit Preußen zu verwandeln. so bliebe uns dann nur rußland, und
auch dieses scheint durchaus nicht so entschieden für uns Parthey nehmen,
sondern vielmehr die rolle eines hofmeisters zwey erbosten schuljungen
(oesterreich und Preußen) gegenüber spielen und uns so sein übergewicht
recht fühlen lassen zu wollen. voilà ou nous en sommes. der kaiser, vor ein
paar tagen aus Bregenz zurückgekehrt, wo er mit den königen von Würtem-
berg und Bayern ein paar nichtssagende kriegerische trinksprüche wech-
selte, wird dieser tage nach Warschau gehen, um bey dem russischen kaiser
zu antichambriren.
inzwischen fallen die kurse und steigt das Agio, der kredit sinkt immer
mehr, die gewerbe fangen an zu stocken, die innere desorganisation nimmt
zu, und in folge dessen nimmt der schmuggel in erschreckender Weise
überhand, für ungarn kann man weder einen statthalter noch überhaupt
Beamte finden, dort und in italien wird die gährung immer größer, in den
übrigen Provinzen schreit man nach den landtagen, welche übrigens unter
den jetzigen verhältnissen, wie sie das ministerium durch seine ungeschick-
lichkeit zuwege gebracht hat, eine baare unmöglichkeit sind, die steuern
werden immer drückender und beynahe unerschwinglich, in croatien gährt
es sehr stark, und Jellachich ist hier, um dringende vorstellungen zu ma-
chen, etc. so steht es im innern. man schreit immer heftiger namentlich ge-
gen Bach und krauss, spricht tagtäglich von ministerkrisen etc. doch wird
es zu keiner solchen kommen, denn was sollte sie herbeyführen? der kaiser
ist eine null, nur eine verhaßte, während kaiser ferdinand eine geliebte
null war. dabey schimpfen die minister einer auf den Andern, ganz öffent-
lich, auf eisenbahnen etc., nur in dem einen sind sie einig: in dem Wunsche,
minister zu bleiben.
Babarczy ist denn doch von der Person des kaisers entfernt worden, er
kam als Adjutant zum erzherzog rainer, eine halbe maßregel, die nieman-
den befriedigen wird. Auch das so eben erschienene Patent wegen hinaus-
gabe von staatspapieren zur entschädigung für die abgelösten grundlasten
wird dieses schicksal haben, einestheils vermehrt es die masse der umlau-
fenden staatspapiere um ein ungeheueres Quantum, andererseits gibt es
dem grundherrn ein entwerthetes Papier statt der münze oder der realen
sicherheit, welche ihm der Bauer hätte geben können, und die der staat
nun an sich zieht, und von einer unterstützung des grundbesitzes durch
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien