Seite - 402 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Bild der Seite - 402 -
Text der Seite - 402 -
Tagebücher402
hpyothekenbanken ist nun keine rede mehr. Alles das ist schmachvoll und
ungeschickt. schmerling sagte mir neulich, Bach habe ihm aus freyen stük-
ken gesagt, daß er in italien auf andere leute greifen müsse, auch Wimpffen
werde in triest nicht bleiben, und für letzteres denke er an mich. dieses
könnten dann wieder bloße Phrasen seyn wie im vorigen Jahre. doch will ich
noch 8–10 tage abwarten, ob sich da etwas klärt, und dann jedenfalls abrei-
sen, braucht man mich, so kann man um mich schicken. Auch wegen Athen
hat schmerling noch immer Absichten.
doblhoff ist fort. neulich war closen lange bey mir, ein langweiliger
schwätzer im frankfurter und überhaupt deutschen genre, doch habe ich
ihm über das, was sie in der deutschen frage von uns und unserm cabinette
zu erwarten haben, reinen Wein eingeschenkt, der deutsche michel läßt sich
ewig bey der nase herumführen, mag er’s doch, wenn er es nicht anders will.
nur ärgert es mich, daß man hier ebenso, wenn auch in einer andern Weise,
dumm ist wie dort, und ich freue mich über jede niederlage, die unsre misé-
rable Politik im Auslande erleidet.
heute Abends war Palacky sehr lange, über 2 stunden, bey mir. er ist
seit vorgestern hier und hatte mich bereits 2mahl vergebens aufgesucht, was
eine gewisse intention andeutet. ich sah ihn seit dem 10. oder 11. may 1848
zuerst wieder und fand ihn verbissen, erbittert und ebenso fanatisch natio-
nal wie damals.1
ebenso, in ähnlicher tendenz und nicht minder lange war neulich löhner
bey mir, auch er ist wie natürlich aufs höchste gegen das ministerium erbit-
tert, jedoch minder düster und fanatisch als der alte hussite Palacky. diese
beyden geistvollen männer bilden überhaupt einen interessanten contrast.
löhner will ein sendschreiben an mich herausgeben und mein Programm
mutatis mutandis annehmen, rectius es mit dem kremsirer verfassungsent-
wurfe vereinbaren.
die verschiedensten, unter sich feindlichsten Partheyen im vaterlande
kommen mir freundich entgegen, wenn sie auch wohl wissen, daß sie mich
nicht zu den ihrigen zählen können, ich bin ihnen eine Art mezzo termine,
compromiss und neutraler Boden. nur eine Partey oder vielmehr eine ge-
ringe Anzahl menschen macht davon eine Ausnahme, und dieses sind die
vormärzlichen faiseurs: hartig, Josika etc. mit ihrem Anhange, welche mir
noch immer meine vormärzliche opposition nicht verzeihen können, dann
die hof- und stiftsdämeley, die steif und fest behauptet, nur ich sey an Allem
schuld gewesen, endlich einige der regierenden generäle, clam, Wratislaw
etc., welche Alles niedersäbeln und massacriren möchten, und mich mit, sie
1 Zu Andrians gespräch mit františek Palacký am 11. mai 1848 in Wien vgl. eintrag v. 12.5.
1848.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien