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November 1850
mir scheint, ziemlich im sacke der militairs steckt, meint zwar, die Zeit sey
dazu noch nicht gekommen, doch bin ich hierin anderer Ansicht.
Als ich Wien verließ, war radowitz entlassen, daher ich Alles so ziem-
lich beygelegt glaubte. nun erschien aber gestern in der Wienerzeitung ein
offizieller Artikel, eine Art von manifest, worin Alles so ziemlich wieder in
frage gestellt scheint, eine Aushebung von 76.000 mann (in dem ohnedem
schon so erschöpften lande!!), mobilmachung eines theiles der Armée und
das einrücken des legedics’schen Arméecorps in Bayern verkündet wird!1
ein krieg erscheint mir zwar noch immer als so unwahrscheinlich wie sonst,
ja nachdem die hauptfragen verglichen sind, als noch unwahrscheinlicher,
aber soviel ist gewiß, daß die kostspieligen und gefährlichen demonstratio-
nen noch länger fortgesetzt werden sollen – wie lange? – wenn bis zum Ab-
schlusse der unterhandlungen, so ist das ende gar nicht abzusehen, denn
die Basis dieser unterhandlungen ist von der Art, daß ein Abschluß im rei-
che der unmöglichkeit liegt, sie lautet: Wegfallen der volksvertretung je-
der Art am Bundestage und – eintritt des gesammten oesterreich in den
Bund! letzteres ist eine baare unmöglichkeit, wenn man die innere und
äußere selbstständigkeit oesterreichs nicht einem fürstencongresse, wobey
es nicht einmahl ausgemacht ist, ob der kaiser von oesterreich immer die
Praeponderanz haben wird, preisgeben will. Wie sich unsere regierung da
heraus wickeln wird, ist mir unerklärlich. es ist mit einem Worte eine Alli-
anz der fürsten (welche sich auf ihre Arméen für immer verlassen zu kön-
nen wähnen) gegen ihre völker, wie aber damit auch nur der schein eines
constitutionellen lebens auf die dauer möglich seyn soll, ist mir ein räthsel,
dabey bedenken sie nicht, daß ehrgeiz und vergrößerungssucht in ihrem la-
ger selbst Zwiespalt erregen, daß vor Allen Preußen unverzüglich wieder an-
fangen wird, mit der volksgunst zu buhlen und so dem schwachen gebäude
den ersten stoß zu geben.
kurhessen ist nun von Preußen und Bundestruppen besetzt, rechberg ist
Bundescommissär, in seiner Proclamation kein Wort von Aufrechthaltung
der verfassung, welche vielmehr, wie man weiß, umgestürzt werden soll,
stat pro ratione voluntas, und mit solchen vorgängen will man rechtssinn
im volke begründen!
ich fürchte, die Warschauer conferenzen haben den sieg der reaktion
vollendet.
1 Wiener Zeitung v. 6.11.1850, 3357f. der Artikel beginnt so: „deutschland und seine geschi-
cke sind in diesem Augenblicke an einem historischen Wendepunkte angelangt. in wenigen
tagen werden und müssen die entscheidenden Würfel fallen, und es wird sich zeigen, ob
das Werk einer rechtsbegründeten neugestaltung des deutschen gesammtvaterlandes in
friedlichen Wegen vollbracht werden kann, oder ob zu dem schwerte gegriffen werden muß,
um die rechte Aller gegen die uebergriffe einzelner zu schützen.“
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien