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Tagebücher412
natürlich ist seine stellung in dieser militärwirthschaft nichts weniger als
eine glänzende.
mein leben ist bis nun sehr einfach und ziemlich langweilig. des morgens
frühstücke ich bey florian,1 gehe dann spatzieren, sitze sodann bis gegen
3 uhr zuhause. um 5 esse ich, und dieses ist der glanzpunct des tages, im
restaurant français mit marie taglioni, ihrer tochter, trubetzkoi, general
kiel, gilbert nugent, oconnor, Willerstorf und dem sächsischen consul Bek-
ker, einer Art von Bourgeois gentilhomme, der aber in diesem Augenblicke
die providence des fremden in venedig ist. Auch Julie samoyloff war ein
paar tage hier und mit uns. des Abends weiß ich, wenn ich nicht in das
schlechte theater Apollo oder höchstens zu einer prova generale in s. Be-
nedetto gehen will, nicht, was ich anfangen soll. Zum glücke war bis nun
herrliches Wetter, ich habe erst heute angefangen ein wenig zu heitzen. ich
suche nun eine Wohnung, was mir aber in der Art, wie ich mir wünsche,
ziemlich schwer wird.
den tag nach meiner Ankunft besuchte mich der hiesige Polizeyadjunct
franceschinis, der 1836 und ff. der Bourbons wegen dem görzer kreisamte
zugetheilt,2 dessen existenz mir aber seitdem ganz entfallen war, ein sehr
gebildeter angenehmer mann. tags darauf kam er wieder, in Begleitung
des Polizeydirectors martello, den er mir vorstellte, und ist seitdem, um mir
Wohnungen anzugeben, wieder da gewesen. ob diesen auffallenden Besu-
chen nur, wie sie sagten, die neugierde mich kennen zu lernen, oder die mei-
nung, daß ich zu einer stellung in diesem lande berufen werden dürfte, oder
aber etwas Anderes zu grunde liegt? kann ich nicht enträthseln. übrigens
sind beyde Bekanntschaften für mich interessant und vielleicht nützlich.
martello scheint sehr gut informirt und nicht bloß specifischer italiener. er
hat mir viel interessantes über die fortwährenden machinationen der revo-
lutionären Partey in italien mitgetheilt, scheint sich aber zu sehr vor den
Piemontesischen republikanern zu fürchten.
gestern habe ich schmerling den ersten der versprochenen Berichte er-
stattet, ich lege einigen Werth darauf, denn unsere regierung scheint wie-
der gerade so ungeschickt zu seyn wie früher, vernachlässigt ihre Anhänger,
schont, ja bevorzugt ihre gegner und bildet sich so keine Parthey, sondern
disgustirt Alle durch Plackereyen und ungeschicklichkeit. die militärwirth-
schaft ist eine herrschaft der Willkür und laune (wenn man auch gestehen
muß, daß sie meistentheils sehr human ist, sowie sich auch hier die gar-
nison sehr gut benimmt), schwarzenberg in mailand hascht nach Popula-
1 das café florian am markusplatz.
2 der französische thronprätendent henri graf v. chambord herzog v. Bordeaux lebte seit
ende der 1830er Jahre in görz.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien