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Dezember 1850
berichten, wenn eine ehre jetzt gekränkt erscheint, so ist es sicher nicht die
preußische, sondern die oesterreichs, welches vor der schilderhebung Preu-
ßens bramarbasirte und ohne noth provocirte. in kurhessen werden preußi-
sche und Bundestruppen abziehen, und der kurfürst, welcher hassenpflug
entläßt, sich mit den ständen vereinbaren, in schleswig wird eine Bundes-
execution nicht stattfinden, sondern die statthalterschaft unterhandelt mit
österreichischen und preußischen commissarien, beydes niederlagen für
oesterreich, welches offensiv auftrat und nun ungefähr die rolle eines da-
vongejagten schergen spielt, das odium und den spott hat. der Bundestag
aber, der mit solchen versuchen anfing, hat sich moralisch todtgeschlagen,
die freyen conferenzen finden in dresden statt, und inzwischen wird der
Bundestag suspendirt. das freye unionsrecht Preußens (also der engere
Bund) ist zugestanden, ebenso der alternirende vorsitz Preußens, beydes
als grundlage bey den zu eröffnenden conferenzen. ich weiß daher wahr-
lich nicht, was Preußen zu wünschen übrig bleibt, die räumung Badens und
homburgs sind seine einzigen gegenleistungen, und so sehr ich mich auch
über den frieden freue, so schmälich ist doch die ganze rolle, welche oe-
sterreich in dieser ganzen geschichte gespielt hat. Wenn dieses dazu dienen
sollte, dem kaiser über die Bagage schwarzenberg & c. die Augen zu öffnen,
so wäre wenigstens ein vortheil erreicht.1
dagegen scheint die kriegerische Parthey im ministerium und in den
kammern selbst damit nicht zufrieden, und gestern kam sogar eine tele-
graphische nachricht vom rücktritte ladenbergs und der Prorogirung der
kammern.2 das wäre dann eine außerordentliche ungeschicklichkeit von
seite jener Parthey und wieder ein unverdientes glück für schwarzenberg,
indem es dazu dienen würde, den eindruck der niederlage, welche er erlit-
ten, zu schwächen. übrigens war die Abneigung und Bestürzung über den
krieg bey uns überall, selbst in der Armée, so groß, daß man vorerst nur
Jubel und Zufriedenheit vernehmen wird.
die consternation in Wien war in jenen tagen ungeheuer, und Alles
schien jeden Augenblick Aufstände und unruhen zu befürchten, jetzt steht
das silber schon wieder auf 24, unter 20 wird es wohl schwerlich mehr her-
abgehen, auch wenn die nun verheißenen Arméereductionen in großem maß-
1 Andrians informationen über inhalt und konsequenzen der olmützer Punktation stamm-
ten wohl aus den Presseberichten und sind teilweise unrichtig und irreführend. vgl. zu ei-
ner neuen interpretation aus österreichischer sicht stefan lippert, felix fürst zu schwar-
zenberg. eine politische Biographie (historische mitteilungen Beiheft 21, stuttgart 1998)
337–344.
2 tatsächlich waren die preußischen kammern vertagt worden. der rücktritt Adalbert v.
Ladenbergs erfolgte erst am 19.12.1850, gleichzeitig mit der definitiven Ernennung Frh.
otto v. manteuffels zum preußischen ministerpräsidenten und Außenminister.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien