Seite - 418 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Bild der Seite - 418 -
Text der Seite - 418 -
Tagebücher418
stabe durchgeführt werden, und jedenfalls sind wir dem Bankerotte um ein
sehr großes stück näher gerückt.
es scheint nun entschieden, daß radetzky nicht wieder zurückkehrt.1
carl schwarzenberg hat das 7. Arméecorps erhalten, nach mailand und also
wohl auch hieher sollen nun civilgouverneure kommen, wer? nescis, nach
mailand wohl micherl strasoldo, denn er ist eine null, so wie Jeder, den
Bach anstellt. ich würde unter gewissen Bedingungen diesen Posten sehr
wünschen, oder aber den in triest, wenn Wimpffen, wie ich glaube, weg-
kommen sollte. von diesem letzteren sprachen mir außer schmerling auch
Burger in gratz, und strasoldo, welcher für sich venedig oder einen Posten
als sectionschef im ministerium des inneren wünscht, sowol von diesem als
von mailand.
Jedenfalls bin ich entschlossen, wenn man mir wieder Anerbiethungen
machen sollte, weniger schwierigkeiten zu machen als bisher. ich bereue
es zwar durchaus nicht, Bach’s unannehmbare und heimtückische Proposi-
tionen abgewiesen zu haben, aber daß ich im may 1848 die Bundestagsge-
sandtenstelle, im July desselben Jahres den Posten eines staatssekretärs
im ministerium des Auswärtigen abgelehnt habe, war vielleicht ein fehler,
ich sage vielleicht, denn ehe die revolution geschlossen ist, ist es schwer,
darüber zu urtheilen.
sehr fatal ist es mir, daß mein Jäger, der einzige, den ich in Wien in mei-
ner Wohnung zurückließ, nunmehr trotz seiner 30 Jahre zum militär abge-
stellt worden ist, ein Beweis, wie weit die gegenwärtige Aushebung greifen
mußte.
[venedig] 14. dezember
seit gestern habe ich eine Wohnung campo s. gallo in dem sogenannten
caffehhause bezogen, wo ich besser und besonders wohlfeiler daran bin als
in der europa, wo man mich auf eine unverschämte Weise schnürte, freylich
entbehre ich hier die herrliche Aussicht auf den hafen.
somit fange ich dann an, mich für den Winter (welcher sich seit ein paar
tagen fühlen läßt) einzuwohnen. Bisher war ich hier nur gleichsam campirt.
obwohl des vergnügens hier ziemlich wenig zu finden ist, so werde ich denn
doch hier bleiben, hauptsächlich weil ich keinen andern ort weiß, an den
ich gehen könnte. rom, florenz etc. sind um nichts besser als venedig, und
neapel, der einzige ort italiens, wohin ich gerne ginge, ist zu weit von Wien
entfernt, als daß ich unter den jetzigen verhältnissen dahin gehen möchte.
hätte ich viel geld, so ginge ich nach Paris, den einzigen ort in der Welt, wo
man angenehm leben und selbst in dieser Zeit die leidige Politik vergessen
1 dies erwies sich als fehlinformation, vgl. eintrag v. 19.12.1850.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien