Seite - 420 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Bild der Seite - 420 -
Text der Seite - 420 -
Tagebücher420
schen staaten erst recht zeigen, die lösung derselben ist also theoretisch um
keinen schritt vorgerückt, jedoch halte ich einen krieg aus dieser veranlas-
sung von unserer seite nach den erfahrungen, die wir eben gemacht haben,
für höchst unwahrscheinlich. es wird also für uns wieder heißen: nachge-
ben, und zwar dießmal die ganze deutsche Politik umändern, und schwar-
zenberg wird sich erinnern, was ihn im April 49, als ich es zu ihm sagte, so
ärgerte: heute sagen sie schwarz, morgen weiß.1
in Wien sieht oder sah man wenigstens vor einigen tagen sehr trübe und
sprach von zu erwartenden staatsstreichen, Aufhebung der verfassung etc.
es beginnt der große kampf zwischen englischen und französischen theo-
rieen, welche letzteren jetzt offiziell die oberhand haben, weil aber die er-
steren noch kein organ und keine ausgesprochene formel haben, so fürchtet
und hofft man (letzteres bey hofe und in einem theile der generalität) den
Absolutismus, aus purer dummheit, denn diesen will mit jenen 2 Ausnah-
men niemand. Jetzt hat man als einen Pliktri2 mehr den reichsrath ins le-
ben berufen, d.h. kübeck zum Präsidenten ernannt, und Pilgram (!) soll das
organische gesetz ausarbeiten.3 Wenn sie glauben, dadurch den reichstag
entbehrlich zu machen, so irren sie sich, ich halte übrigens auf die ganze in-
stitution des reichsrathes nicht viel, freylich auch mit jedem tage weniger
auf die ganze verfassung vom 4. märz, ich fange an zu glauben, man wird
auf den historischen organischen Boden zurückkehren und an den 15. märz
1848 anknüpfen müssen.4 das hat allerdings jetzt seine großen schwierig-
keiten. die verfassung vom 4. märz aber ist durch die fehler, welche das
ministerium seit einem Jahre fortwährend begeht, beynahe schon zur un-
möglichkeit geworden.
[venedig] 19. dezember
radetzky kömmt heute in verona an und übernimmt wieder seine frühere
stellung. das ministerium hat also eine niederlage erlitten, und die militär-
1 vgl. zur unterredung mit ministerpräsident fürst felix schwarzenberg am 11. April 1849
eintrag v. 13.4.1849.
2 wohl bliktri (ungarisch) – kleinigkeit.
3 die oktroyierte verfassung vom 4.3.1849 (§§ 96–98) sah einen vom kaiser ernannten
Reichsrat vor, „dessen Bestimmung ein beratender Einfluß auf alle jene Angelegenheiten
sein soll, worüber er von der vollziehenden reichsgewalt um sein gutachten angegangen
wird.“ das dafür notwendige besondere gesetz zu seiner einrichtung und Wirksamkeit
erhielt nach langen kompetenzstreitigkeiten zwischen dem designierten Präsidenten des
reichsrats frh. karl v. kübeck und dem ministerium erst am 13.4.1851 die kaiserliche
sanktion und wurde am 18. April veröffentlicht.
4 gemeint ist die kaiserliche Proklamation vom 15.3.1848, in der die einberufung von ver-
tretern aller Provinzialstände mit verstärkter vertretung des Bürgerstandes und unter
Berücksichtigung der bestehenden Provinzialverfassungen angekündigt wurde.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien