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Dezember 1850
regierung dauert auf unbestimmte Zeit fort. man wird in bisheriger Weise
weiter wirthschaften, den günstigen Augenblick, welcher nach der catastro-
phe von 1849 für oesterreich in italien vorhanden war und vielleicht jetzt
noch benützt werden könnte, unbenützt verstreichen lassen, seine freunde
von sich stoßen, seine feinde stärken, und diese reiche fundgrube wird für
die gesammtmonarchie verloren seyn. Alles dieses durch die ungeschick-
lichkeit, halbheit, miserabilität der minister. Wahrscheinlich kömmt stra-
soldo nach mailand, was unter diesen verhältnissen auch wohl das beste ist,
um einen mannequin radetzkys und seiner Adjutanten vorzustellen, dazu
ist er so gut wie jeder Andere.
von dem reichsrathe ist jetzt viel die rede, und man hat mir bereits von
Wien geschrieben, daß ich in denselben eintreten sollte. Wird etwas ordent-
liches daraus, so wäre es mir auch ganz angenehm, indem es mir eine be-
deutende und doch unabhängige Wirksamkeit eröffnen würde. doch weiß
ich noch nicht, ob es mit dieser einrichtung überhaupt ernsthaft gemeint
ist, ebensowenig ob man unabhängige elemente in denselben aufnehmen
oder ihn zu einer bloßen versammlung von Jaherren machen will? ich habe
mir darüber nähere Aufschlüsse erbethen und mich auch mit stifft darüber
besprochen. hat das ministerium gesunden menschenverstand, so muß es
einsehen, daß ein unabhängiger reichsrath ein hemmniß für dasselbe, ein
serviler aber nur ein mittel der discreditirung mehr seyn wird, hat also die
ernennung kübecks und den ganzen lärmen nur als köder und Brocken
hingeworfen, weil ich aber eben an seinem gesunden verstande zweifle, so
halte ich es doch für möglich, daß etwas mehreres dahinter steckt. übri-
gens wird jetzt wieder stark gegen den finanzminister sturm gelaufen, und
diese verhältnisse verschlimmern sich zusehends, das silber steigt wieder
bis gegen 30%. in ungarn wird das tabakmonopol, die verzehrungssteuer
etc. eingeführt,1 lauter dinge, welche die stellung der regierung dort nur
erschweren können. die steyerischen landtagspetitionen und debatten
darüber (worüber frank mich au courant erhält) machen, obwol sie in so
1 Als weitere maßnahme zur schaffung eines einheitlichen Zoll- und handelsgebiets wurde
mit kaiserlichem Patent v. 29.11.1850 (publiziert am 14.12.1850) das bis dahin nur im en-
geren österreich bestehende tabakmonopol auch auf die früheren länder der ungarischen
krone (ungarn, kroatien und slawonien, siebenbürgen, Woiwodschaft serbien und teme-
ser Banat, militärgrenze) ausgedehnt und eine verzehrungssteuer auf gebrannte alkoholi-
sche getränke und Bier (Patent v. 29.9.1850) sowie Wein und fleisch (Patent v. 23.11.1850)
eingeführt. das tabakmonopol und die steuern auf Wein und fleisch traten mit 1.3.1851
in kraft, die Bestimmungen für Bier und gebrannte getränke mit 1. Jänner 1851. durch
ein Patent vom 7.6.1850 waren bereits die Zwischenzolllinien mit 1. oktober aufgehoben
worden.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien