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Tagebücher422
bewegte Zeitläufte fallen, dennoch Aufsehen und finden nachahmer.1 die
regierung verspricht jetzt die landtage für nächsten Juny, doch wird dieses
entweder zu früh oder zu spät seyn, jenachdem ruhe bleibt oder nicht, und
den ministern Zeit oder nicht, ihre kartenhäuser fortzubauen.
die dresdner conferenzen beginnen am 23. oesterreich wird sich dabey
in der eigenthümlichen lage, daß es auf niemanden, selbst nicht auf seine
bisherigen Bundesgenossen zählen kann, befinden, während Preußen seine
Alliirten durch dick und dünn mitführen wird und nur eine schwenkung zu
machen braucht, um mit Allen gegen oesterreich zu stehen.
Wir hatten in diesen tagen ein paar russische festlichkeiten: sonntag
ein tedeum zur feyer der Waffenthat des thronfolgers im caucasus2 und
gestern ein diner für das nahmensfest des kaisers. Bey beyden war ich ge-
laden und zugegen, daß der russische consul chwostoff die unbegreifliche
taktlosigkeit hat, aus puntiglio bey Beyden nicht zu erscheinen, bildet in
dieser kleinen Welt das tagesgespräch.
den ministern, recte Bach, ist es endlich gelungen, die „Presse“, diesen
thorn in their side, todtzuschlagen. ein formfehler in der concession der
Zang’schen druckerey (wovon mir dieser schon vor langer Zeit sprach, und
den lazanzky endlich ausgeschnüffelt hat) hat dazu das mittel gegeben.3
Alle andren drucker sind eingeschüchtert und weigern sich, den druck zu
übernehmen. Zugleich höre ich, daß Zang ausgewiesen werden soll. Alles
dieses geschah, während Bach wieder einmal mit Zang unterhandelte, wie-
der ein triumph für den pfiffigen spitzbuben. tant mieux, cela amasse tou-
jours plus de fiel.
[venedig] 25. december
nachdem wir durch 8–10 tage stürmisches Wetter, regen und scirocco ge-
habt haben, ist nun schönes kaltes Wetter, doch stand der thermometer
noch nie auf null. die Posten waren mehrmals durch 2–3 tage unterbro-
chen, da keine dampfschiffe von triest kamen. das silberagio hält sich im-
mer um 30% herum, und besonders werden die Zwanziger4 rar und theuer,
da auch das gold im Preise fällt und das Zwangsanlehen die nachfrage nach
Zwanzigern vermehrt, es ist ein jammervoller Zustand. krauss soll wackeln,
1 gemeint ist die Adresse des provisorischen landesausschusses vom 10.12.1850, mit der
eine Petition der steirischen gemeindevorsteher um eine beschleunigte einberufung des
landtags befürwortend an das ministerium weitergeleitet wurde.
2 es handelte sich um eines der zahlreichen gefechte mit den truppen des imam schamil
während der russischen eroberung des kaukasus.
3 die letzte Ausgabe der nach dem verbot in Wien seit 27.12.1849 in Brünn publizierten
„Presse“ erschien am 4.12.1850. Graf Leopold Lažanský war Statthalter von Mähren.
4 Die 20 Kreuzer-Münze, die wichtigste im Umlauf befindliche Silbermünze.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien