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Tagebücher424
Augenblick schiebt man mir dergleichen in die schuhe, sowie vor einigen
monathen die Warrenssche Brochure über die Pairie. Jedenfalls zeigt dieß,
daß ich nicht vergessen bin, für das Brockhaussche conversationslexicon
habe ich auf Brockhaus’s Bitte so eben eine biographische notiz über mich
geschrieben,1 eine menge anderer ähnlicher Aufforderungen, die ich in letz-
ter Zeit bekam, habe ich unbeantwortet gelassen.
in Wien scheinen die dinge immer schlechter zu gehen und das ministe-
rium täglich mehr in mißcredit zu sinken. schwarzenberg hat einen unbe-
greiflichen leichtsinn sowol in seinen maßregeln als besonders in der Wahl
der Personen und greift die nächsten besten auf, die ihm gerade unterkom-
men. der kaiser zeigt täglich mehr hartherzigkeit, eigensinn, leidenschaft
und Beschränktheit, und disgustirt nun auch schon die Armée und ahmt
kaiser nicolaus nach, „wie er sich räuspert und wie er spuckt“,2 das hat er
z.B. in der letzten emeute im Wiener neustädter collegium bewiesen.3 Qu’il
y prenne garde. solange kaiser ferdinand lebt, ist das monarchische Princip
in oesterreich sicher.
Was aber dieses und jedes rechtsgefühl untergraben muß, sind die vor-
gänge in kurhessen, wo rechberg, der leberkranke hund, als kleiner Alba
auftrat, jetzt ist er entfernt, aber natürlich ein mann nach dem herzen sei-
ner majestät und des dummen felix.4
den christabend brachte ich gestern bey taglioni zu, wo ein kleiner
Ball war. morgen gehen sämmtliche theater auf, was mir sehr angenehm
ist. mein kreis von Bekannten ist noch immer derselbe, nur ist Alexander
erdödy sammt frau und schwester dazu gekommen, und neulich lud mich
die alte Wetzlar zu einer langweiligen soirée.
[venedig] 31. dezember
das Jahr geht unter dem herrlichsten, wenn auch ziemlich kalten Wetter zu
ende. die theater sind seit 26. eröffnet, und ich habe sowohl in der fenice
1 erschienen in Allgemeine deutsche real-encyklopädie für die gebildeten stände. conver-
sations-Lexikon. 10. Aufl. Bd. 1 (Leipzig 1851) 450f.
2 friedrich schiller, Wallensteins lager, 6. Auftritt: Wie er räuspert, und wie er spuckt, / das
habt ihr ihm glücklich abgeguckt. / Aber sein genie, ich meine, sein geist / sich nicht auf
der Wachparade weist.
3 es ist unklar, worauf Andrian hier anspielt, Berichte über einen vorfall in Wiener neustadt
ließen sich nicht finden. Allerdings erschien am 7.12.1850 ein Befehl des Kaisers, wonach
die aus der Wiener neustädter militärakademie wegen übler Aufführung und schlechtem
fortgang entfernten oder von den eltern herausgenommenen Zöglinge unter keinen um-
ständen früher zu Offizieren befördert werden dürften als nach dem gänzlich vollendeten
achtjährigen kurs des betreffenden Jahrgangs, jede Beförderung gegen diese vorschrift sei
ungültig.
4 ministerpräsident fürst felix schwarzenberg.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien