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Jänner 1851
kann nichts erhebliches zu stande bringen. stifft wittert große ereignisse
in der nächsten Zukunft. in frankreich brummt es wieder ziemlich bedenk-
lich. louis napoleon hat sein ganzes cabinett entlassen und scheint nun mit
changarnier ernsthaft anbinden zu wollen. Auch in Piemont hat es ein paar
emeuten gegeben. in dresden können, pour bien commencer, Preußen und
oesterreich sich nicht verständigen. das eigenmächtige vorgehen der Bun-
desexecution in kurhessen, ganz gegen die olmützer Besprechung, noch mehr
aber die perfide veröffentlichung (durch das Journal des débats) einer bra-
marbasirenden circulardepêche schwarzenbergs hat in Berlin sehr verstimmt
und wird zur einigkeit in dresden nicht beytragen. schwarzenberg ist noch
immer dort. die ganze kurhessische geschichte aber ist eine schmach, eine
schmach für oesterreich und Preußen, und wird bittere früchte tragen.
es scheint mir nicht unmöglich, daß man in Wien, wenn nichts dazwi-
schen kömmt, an eine umoctroyirung der verfassung schreiten werde,
vielleicht gleichzeitig, vielleicht nach einsetzung des reichsrathes, daß die
verfassung vom 4.3. jetzt, und zwar großentheils durch die stupende unge-
schicklichkeit, mit der das ministerium seit 2 Jahren operirt, zu den un-
möglichkeiten gehört, das glaube ich selbst und beneide die nicht, die sich in
diesen impasse gebracht haben. stifft, der an dem Buchstaben des consti-
tutionalismus festhält, schreit Zeter und meint, jetzt in den reichsrath tre-
ten, heiße sich zum Werkzeuge des Absolutismus hergeben. ich habe nun in
dieser und mancher anderen Beziehung abweichende Ansichten, muß mich
aber doch bedecken, ehe ich [mich], und zwar ohne zu wissen, wie weit die
Absichten der regierung gehen, offen von meinen freunden lossage, noch
dazu ohne die gewißheit des erfolges.
Becher schreibt mir, daß man mich in Wien zum gemeinderath wählen
wollte, wäre ich nicht abwesend gewesen, das finde ich einen sonderbaren
Abhaltungsgrund. überhaupt wollen mich einige durchaus zur rückkehr
bewegen, doch sehe ich noch immer keinen Anlaß dazu.
einer meiner ältesten und besten freunde, gustav neipperg, ist in stutt-
gart gestorben, das hat eindruck auf mich gemacht, er hat nun zum ersten-
mahle ruhe.
ich lese jetzt klapkas mémoiren1 und versetze mich in der erinnerung
wieder in jenes erschütternde ungarische drama, wie farblos sind alle unse-
ren politischen kämpfe im vergleiche zu den positiven militairischen! über-
haupt studire ich seit einiger Zeit mit eifer militaria, denn in ihnen liegt
schließlich die Zukunft des individuums in solcher Zeit. lust hatte ich seit
jeher, wer weiß, ob ich nicht auch Anlage habe. vielleicht zeigt sich dieses
noch einmahl.
1 georg klapka, memoiren. April bis november 1849 (leipzig 1850).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien