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Jänner 1851
genblick der antiministeriellen Bewegung die spitze abgebrochen. Am 20.
soll der Zollcongress über den neuen tariff zusammentreten.1
in dresden scheinen sich schwarzenberg und manteuffel endlich geeini-
get zu haben, wenigstens ist ersterer am 13. abgereist. Wenn es aber wahr
ist, wie es heißt, daß kaiser franz Joseph, kaiser nicolaus und der könig
von Preußen demnächst in dresden zusammentreffen sollen, so schiene dieß
wieder zweifelhaft, es müßte denn diese Zusammenkunft andere Zwecke,
z.B. gegen frankreich haben, wo es wieder gährt. louis napoleon hat chan-
garnier abgesetzt, und die nationalversammlung scheint Widerstand leisten
zu wollen.
in kassel wie in holstein und gewissermaßen auch in dresden scheint
oesterreich allerdings gegenwärtig oberwasser zu haben. schwarzenberg
hat sich von frankfurt douce violence über die grenzen der olmützer stipu-
lationen hinaus machen lassen, und manteuffel, der mit vollen segeln der
reaction fährt, gibt freudig in Allem nach, ob er da auf sicherm Boden geht,
werden wir vielleicht bald sehen. Anhänger hat er außer der kreuzzeitungs-
parthey wenige, obwohl die wiederzusammengetretenen kammern auf die
fortsetzung der Adressedebatten verzichtet haben.
Wird die deutsche frage, wenigstens für den moment, gelöst, so kömmt
dann erst unsere innere entwickelung an die reihe, für die seit einem Jahre
so gut als nichts geschehen ist. dann werden wir den tanz erst recht begin-
nen. mittlerweilen ist der Belagerungsstand in Wien, Prag, ungarn, italien
etc. in schönster Blüthe.
mathilde Berchtold ist heute angekommen, für mich eine ressource mehr.
ich theilte bisher meine Abende so ziemlich wie bisher zwischen fenice (die
jedoch ziemlich leer und langweilig ist), Pallavicini, esterhazy und taglioni.
[venedig] 24. Jänner
in diesem Augenblicke wird schmerling wohl schon ausgetreten seyn, schon
seit einiger Zeit schrieb man mir, daß er daran denke. die letzte veranlas-
sung dazu war nach einigen das neue Preßgesetz, welches ohne alle noth
und erfahrung über die Wirksamkeit des alten demnächst erscheinen und
die herausgabe der Zeitungen an die Willkür der statthalter binden soll,
nach Anderen die ungarischen Angelegenheiten, wo er (soviel ich seine An-
1 der Zollkongress zur Beratung des tarifentwurfs der regierung zur schaffung eines ein-
heitlichen Zollgebiets tagte vom 21.1.–20.2.1851. teilnehmer waren vertreter der neu
geschaffenen handels- und gewerbekammern, der Börsedeputationen, der landwirt-
schaftsgesellschaften sowie weitere vertreter von industrie und Wissenschaft. obwohl die
statthalter aufgefordert worden waren darauf zu achten, dass nur kenntnisreiche und ge-
mäßigte männer entsandt würden, bildete der kongress ein forum der scharfen kritik an
der Wirtschaftspolitik der regierung.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien