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Februar 1851
Preußen sein spiel, so machte es jetzt volte-face gegen uns, aber manteuffel
ist ein beschränkter Bureaukrat. frankreich protestirt gegen den eintritt
gesammt oesterreichs in den Bund, kurz man wird durch gewalt eine mo-
mentane formation erzwingen, aber jede rechtsbasis ist verloren, und das
ganze wird keine dauer haben, desto besser, denn hätten sie es, so wäre das
für unsere generation eine trostlose Aussicht. man kömmt dahin, revolu-
tionen zu wünschen, und à l’eau de rose werden sie nicht seyn, wer einmal
Blut gerochen hat, vergißt diesen geruch nicht mehr. von Zeit zu Zeit ist die
Bluttaufe dem menschlichen geschlechte nothwendiger als jede andere.
gabrielle, welche überhaupt meine beste freundinn ist, grämt sich über
alle diese dinge weit mehr als ich, obwohl sie es zu verbergen sucht, jetzt
eben kommen für sie noch andere dinge hinzu, die sie persönlich betreffen.
erzherzog Wilhelm, ein gutmüthiger junger Bursche, der trotz des Abstan-
des der Jahre in sie schon seit längerer Zeit verliebt ist, wird immer leiden-
schaftlicher, und es dürfte schwer werden, einen eclat zu verhüten, welcher
für beyde theile, namentlich aber für gabrielle, unangenehme folgen haben
dürfte. Auch diese geschichte geht mir im kopfe herum.
[venedig] 22. februar
ich führe immer dasselbe leben fort, am tage, wo es jetzt schon recht warm
und schön ist, gehe ich spatzieren, Abends bin ich im theater, bey Berchtold
oder Jane Pallavicini, keine dieser ressourcen biethet besondere Agrémens,
das theater ist schlecht und meistens leer, im salon Berchtold finde ich im-
mer dieselben 3 bis 4 höchst uninteressanten (seit kiel’s Abreise) menschen:
noptsa, Becker, ricci, g. nugent etc., und eine hausfrau, welche zwar eine
alte und gute Bekannte und gutmüthige frau ist, mir aber durch ihr ewiges
erbärmliches Politisiren und stupides schimpfen meinen humor verdirbt,
im gegensatze dazu ist Jane eine komplette offizierstochter, also da wie
dort nicht der mühe werth, den mund aufzuthun. Am liebsten ist mir noch
resi hohenlohe, eine gute, einfache, anspruchslose frau, heiter und guter
dinge, und nicht gereizt, was heutzutage eine wahre seltenheit ist. über die-
sen gewöhnlichen schlag hinaus ragt von allen frauen, die ich hier getroffen
habe, keine, die gräfinn nani esterhazy hat wenigstens als Beygabe noch
l’habitude du grand monde und die interessante gesellschaft marmonts.
eine ächte deutsche Professorfamilie aber, mit ungeheuer sentimentaler er-
regbarkeit und unausstehlicher Wißbegierde, habe ich in uexküll und seiner
frau gefunden, bey denen ich unter andern neulich einen Abend en famille
zubrachte, gott weiß wie dahin gerathen.
manchmal mache ich mir einen kleinen extraspaß und verschwinde auf
einen tag mit signora luigia morselli, so waren wir neulich in murano die
glasfabriken ansehen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien