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März 1851
ich ungerne verließ. hier beschäftigen mich andere dinge, vielleicht fängt
derselbe wieder an, wenn ich in Wien seyn werde.
neulich war ich des Abends bey fml culoz, dem commandanten des hier
stationirten 7. Arméecorps, der eine wie mir scheint recht liebenswürdige
tochter hat.
triest 20. märz Abends
Am 18. nachmittags 2 uhr verließ ich görz, nachdem ich dort alle meine ge-
schäfte beendet hatte, und kam um 8 Abends hier an. Am selben Abende im
theater sah ich Wimpffen, von dem ich hörte, daß der kaiser zwischen dem
20. und 25. (jetzt heißt es übermorgen früh) hier incognito eintreffen werde,
angeblich um seinen Bruder max, der in die marine eintritt, zu begleiten,
eigentlich aber um sich mit eigenen Augen über die Zustände der marine zu
überzeugen, welche jetzt ebenso wenig vorwärts will als vor 1848. dahlrup
scheint seiner stellung durchaus nicht gewachsen und dürfte wahrschein-
lich (nach kaum 2 dienstjahren) pensionirt werden.
übrigens ist Wimpffen, mit dem ich gestern eine lange conversation
hatte, worin ich auch meine persönliche stellung zum kaiser zur sprache
brachte, auf das tiefste gekränkt durch die wirklich schonungslose Weise,
in welcher man so eben seinen Bruder gustav pensionirt hat. er sprach sich
darüber sowie überhaupt über die ganze richtung, die der kaiser in persön-
lichen, militärischen und politischen dingen nimmt, in einer Art aus, wel-
che mich von neuem überzeugte, wie systematisch dieser junge mensch sich
Aller gemüther, ohne Ausnahme, entfremdet. die Bombe füllt sich immer
mehr, und am ende wird sie platzen.
gestern, hier ein feyertag, besuchte ich ernst fünfkirchen im marine-
collegium. heute hatte er seine Prüfung, und ich nahm ihn hierauf heraus,
behielt ihn bey mir zum essen und führte ihn um 7 uhr Abends in einem
Boote wieder nach hause, der Bursche gefällt mir außerordentlich gut, voller
Behendigkeit, geist und charakter, aus dem kann was tüchtiges werden.1
ferdinand und Zdenka Palffy, die ebenfalls einen sohn im collegium ha-
ben, sind hier und wohnen mit mir unter einem dache, er erzählte mir, daß
in ungarn, von wo ich schon so lange nichts gehört habe, die dinge immer
schlechter gehen, es ist ein förmlicher gerichtsstillstand, wozu jetzt noch der
umstand kömmt, daß krauss die von schmerling adoptirte und bereits halb
durchgeführte Justizorganisation wieder bedeutend verändern will, worin
er freylich insofern sehr recht hat, als er gegen schmerlings kostspielige
und den Bedarf bey weitem übersteigende organisation (auch in den übrigen
ländern) wesentliche reductionen vornehmen will.
1 graf ernst fünfkirchen war ein cousin Andrians mütterlicherseits.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien