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März 1851
mal eine auffallende veränderung gegen sonst, d.i. ein weit freundlicheres,
ja mitunter gesuchtes entgegenkommen gegen mich.
nach allem diesem bin ich um so fester entschlossen, Wien nicht mehr zu
meinem bleibenden Aufenthalt zu wählen, sondern, wenn ich keine verwen-
dung erhalten sollte, zu reisen oder mich irgend wo anders zu etabliren und
nur von Zeit zu Zeit hieher zu kommen, um meine verbindungen zu erhal-
ten, das einzige, was ich hier vermissen würde, wäre gabrielle.
in Beziehung auf den hauptzweck meines hierseyns habe ich vor einigen
tagen mit Bruck gesprochen, welcher auf meine Absicht, wie ich ohnehin
wußte, vollkommen einging, mir sagte, daß eben jetzt durch die erledigung
des statthalterpostens in linz oder salzburg ein Platz für mich wäre, und
mich aufforderte, mit schwarzenberg und Bach zu sprechen. ich ging dann
vorgestern vormittag zu felix schwarzenberg und hatte eine sehr lange
1 1/2 stündige interessante unterredung mit ihm. ich sagte ihm, daß ich
mich ihm für eine angemessene verwendung zur verfügung stelle, weil
mir die unthätigkeit unerträglich sey und ich nebstdem wünschen müsse,
mich in dieser, als der einzig möglichen, Weise von der ungnade des kaisers
zu rehabilitiren. hierauf forderte er mir mit großer offenheit mein politi-
sches glaubensbekenntniß ab, welches ich mit derselben offenheit ablegte,
sagte mir, daß man mich beschuldige, gegen das ministerium zu agitiren,
und zwar in verbindung mit meinen alten vormärzlichen landständischen
freunden, wobey namentlich die steyerische landtagspetitionssache aufs
tapet kam. hier hatte ich keine mühe ihm zu beweisen, daß ich mit dieser
Angelegenheit in gar keiner verbindung stünde. dann auf meine stellung
zum kaiser übergehend, sagte er, daß man mir nicht meine nachmärzliche,
wohl aber meine frühere Wirksamkeit zur last lege, und wie er selber die
überzeugung hege, daß unsere damaligen ständischen Agitationen die er-
eignisse des Jahres 1848 herbeygeführt hätten. darüber entspann sich dann
eine lange discussion, in welcher beynahe alle fragen der inneren und der
auswärtigen Politik berührt wurden. ich verhielt mich dabey natürlich wie
Jemand, der etwas erreichen, daher jede unnöthige meinungsverschieden-
heit und streit vermeiden will, daher in den Punkten, in welchen wir über-
einstimmten (und es waren dieses beynahe alle negativen sätze) mit großer
offenheit und entschiedenheit, in den übrigen ausweichend und zurückhal-
tend. im ganzen sah ich, daß er klar weiß, was er nicht will, nämlich unord-
nung, französischen constitutionalismus und parlamentarische regierung,
nicht aber was er will, und daß er von der inneren Administration nichts
versteht, er sagte nur immer: der kaiser müsse so stark als möglich gemacht
werden – aber wie? auf welche Art? scheint ihm unklar zu seyn.
nach fast 1 1/2 stunden wurden wir durch kübeck unterbrochen, ich
sagte, ich wolle in etwa 14 tagen wiederkommen, und er, er werde sich in
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien