Seite - 448 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Bild der Seite - 448 -
Text der Seite - 448 -
Tagebücher448
der Zwischenzeit informiren. im ganzen bin ich mit dem resultate zufrie-
den, denn so wie ich ihn kenne, ist es viel, daß er sich mit mir so tief einge-
lassen, vor jetzt 2 Jahren, als ich mich ihm ebenfalls zur verfügung stellte,
antwortete er mir auf der stelle ausweichend. mit Bach habe ich noch nicht
gesprochen, doch werde ich es morgen thun.
ich sehe die nothwendigkeit ein, mein möglichstes zu thun, um in Amt
und stellung zu kommen, nebst den schon oft erwähnten motiven sehe ich
auch ein, daß ich in dieser unthätigkeit an terrain verliere, während ich in
einer ämtlichen bedeutenden und doch nicht mitverantwortlichen stellung
mich für alle eventualitäten bereithalten und das terrain vorbereiten kann.
dieses liegt in der eigenthümlichkeit unserer Zustände, welche noch lange
keine eigentlichen parlamentarischen sind.
Wegen des reichsrathes ist noch nichts entschieden, der kaiser soll ihn
wünschen, um sich von seinen ministern zu emancipiren. diese machen da-
her natürlich eine stille opposition. kübecks einfluß steigt sehr, namentlich
in finanzsachen. salm hat ihm meinen Brief gezeigt und zur Antwort er-
halten, daß er noch keine vorschläge gemacht habe. dadurch ist er also auf
mich aufmerksam gemacht und weiß, daß er eine Ablehnung von mir wohl
schwerlich zu gewärtigen hätte.
neulich war ich Abends bey schmerling, er ist noch sehr gereizt, na-
mentlich gegen Bach, krauss und seinen nachfolger, endlich gegen kul-
mer, der mit den Altconservativen unter einer decke spielt. Bey seiner ei-
telkeit wurmt ihn seine jetzige secundäre stellung beym cassationshofe,1
er erzählte mir die geschichte seines rücktrittes, Bachs intriguen, die
spaltungen und das chaos im ministerrathe, das wachsende mißtrauen
des kaisers und hofes gegen die minister, seine zunehmende Willkür und
eigensinn, Bach’s speichelleckereyen, der complete stillstand im mini-
sterium des inneren und der finanzen, welche beyde nichts mehr beym
kaiser durchzusetzen im stande seyen, dessen eigensinn nunmehr selbst
schwarzenberg, grünne und Bach, welche ihn großgezogen, über den
kopf wachse, etc. kurz, ich sehe aus Allem, daß es schlechter steht als je-
mals, completer stillstand, stagnation, allgemeiner mißmuth etc. Bruck
war nahe daran, über den Widerstand der industriellen, u.a. erzherzog
Johann’s, gegen den neuen tariff zu stürzen, und hatte noch vor 8–10 ta-
gen seine entlassung begehrt. in ungarn wird, wie Zsédényi mir erzählt,
der passive Widerstand gegen tabakmonopol und verzehrungssteuer im-
mer allgemeiner, überall werden tabak- und Weinpflanzungen von den
Bauern ausgerissen. in den Provinzen ohne Ausnahme wird die confusion
1 ritter Anton v. schmerling wurde nach seinem rücktritt als Justizminister zum senats-
präsidenten am obersten gerichts- und kassationshof ernannt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien