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sche Politik. doch hatte ich noch nicht gelegenheit ihn sprechen zu machen,
obwol wir, auffallend genug, wie sonst die besten freunde sind. mathilde
Berchtold war hier, und ich speiste neulich mit ihr, Baronin hruschowsky
und Julie samoyloff, welche hier durch nach Paris reiste, bey munsch.1
Auch von gräfinn Bergen habe ich durch general Zocchi, der von frankfurt
kömmt, wieder lebenszeichen erhalten und ihr so eben aus Anlaß des un-
glückes, welches sie betroffen,2 geschrieben.
das Wetter ist beynahe immer regnerisch und schlecht, jedoch warm und
frühlinglich, morgen fängt die italienische oper an, die ich jedoch wahr-
scheinlich wenig besuchen werde.
[Wien] 4. April
es ist fast fortwährend schlechtes kaltes Wetter, was nicht dazu beyträgt,
den Aufenthalt angenehm zu machen. Wien schien mir noch nie so lang-
weilig wie dießmal, ohne eine Beschäftigung hier zu leben, wäre mir auf die
länge unerträglich.
ich war neulich einen Abend bey einer gräfinn razoumoffsky, eine Bad-
ner Bekanntschaft, gestern war große theatralische vorstellung bey Pereira,
wo ich viele leute aus der gesellschaft sah und mathilde Berchtold chape-
ronnirte, welche leider morgen weggeht, nach venedig, solange sie hier ist,
bin ich wenigstens wegen meiner Abende nicht in verlegenheit.
mit Bach sprach ich vorgestern Abends, er hielt mir wieder wie gewöhn-
lich stundenlange langweilige tiraden wie ein schlechter Zeitungsartikel,
denen ich geduldig zuhörte. Zu opponiren, ja selbst meine meinung aus-
zusprechen, ist dießmal meine Aufgabe nicht. im gegentheile unterhielt
es mich, ihn in seiner selbstgefälligkeit zu bestärken, worin er denn auch,
meiner unerwarteten Zustimmung froh, sich lächerlich genug immer wei-
ter verstieg. ich sagte ihm im Wesentlichen: eventus stultorum magister,
und da er nun seine Aufgabe so glänzend durchgeführt habe (!!), so striche
ich die flagge, und zwar mit vergnügen, denn der Zweck sey uns ja beyden
der nämliche, und nur über die mittel hätten unsere Ansichten differiren
können. ich meldete mich förmlich als candidat für linz oder salzburg und
wolle mir in 14 tagen Antwort holen. Zugleich brachte ich die sprache auf
die mir von schwarzenberg angegebenen nachmärzlichen griefs gegen mich
(denn die vormärzlichen theilt ja Bach in weit höherem maaße mit mir), und
wir erörterten den gegenstand gründlich.
Wenn auch schwarzenberg nicht den eindruck einer überlegenen ca-
pacität macht, so macht er doch den eines vollkommen klaren festen und
1 das hotel munsch am neuen markt.
2 der tod ihres Bruders Adolph v. Berlepsch.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien