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darin bestehen, daß der staat ein für allemahle der herausgabe von Papier-
geld ein ende machte. Auch der neue Zolltariff ist unter diesen umständen
und bey der äußerst heftigen und compacten opposition der industriellen
vertagt, eine harte schlappe für Bruck.
neulich war bey mir Prof. forchhammer, Abgesandter der ehemaligen
schleswigholsteinschen regentschaft. er schilderte mir die traurigen Zu-
stände dort, die stimmung des landes, die übergriffe der dänen, die mi-
sérabilität der preußischen Politik, die profunde ignoranz und die leiden-
schaftlichkeit schwarzenbergs. nach einer 1 1/2 stündigen conversation
bath er mich beym Abschiede ein Andenken anzunehmen, eine karte des
alten troja, die er in seinen mußestunden verfertiget hatte!! das war so echt
deutsch, so echt Professor, so echt 1848, daß ich nicht wußte, sollte ich la-
chen oder gerührt seyn. gräfinn Bergen antwortete mir neulich, sie ist tief
gebeugt durch den verlust ihres Bruders, welcher innig zusammenhängt
mit dem ruin ihres landes, an dem sie einen tieferen Antheil zu nehmen
scheint, als ich ihr zugetraut hätte.
Wir haben jetzt schon völligen sommer, die Bäume sind so grün wie sonst
Anfangs Juny, der Prater sehr belebt, überhaupt sehr viele fremde hier, ich
wollte ich könnte bald hinaus.
der kaiser war unwohl. erzherzogin sophie ist am 19. nach triest, um
ihren gefährlich erkrankten sohn zu pflegen.1
[Wien] 2. may
montag (28.) Abends war ich bey Bach, um mir eine définitive Antwort zu
holen, ein Besuch, den ich mir eigentlich hätte ersparen können, solange
ich von schwarzenberg keine Antwort hatte, ob mich der kaiser empfan-
gen wolle oder nicht. das hatte ich vergessen. Bach gab mir daher auch, wie
vorauszusehen war, zur Antwort, daß vor Allem Andern mein verhältniß
zum hofe ins klare gebracht seyn müsse, er wisse wohl, daß schwarzenberg
mit dem kaiser zu sprechen vorhabe, nicht aber, was seine majestät geant-
wortet hätten. ich blieb daher nur ziemlich kurz bey Bach, obwohl dieser
mich zurückhalten wollte, und sagte ihm beym Weggehen, daß ich sehr wohl
einsähe, daß falls der kaiser darauf bestehen sollte, mich nicht zu empfan-
gen, auch von einer mir zu gebenden verwendung keine weitere rede seyn
könne, und ich daher in diesem falle auch zu ihm (Bach) nicht weiter kom-
men würde. im Allgemeinen schien er mir viel kleinmüthiger als sonst und
begierig mich auszuhorchen, doch war ich sehr boutonnirt und sprach nur
im Allgemeinen von den steigenden schwierigkeiten der ministeriellen stel-
lung, der wachsenden Bedeutung des reichsrathes etc. ich war sonach fest
1 Erzherzog Ferdinand Max, der jüngere Bruder des Kaisers, war Marineoffizier.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien