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Mai 1851
überzeugt, daß der kaiser auf meinen ihm durch schwarzenberg vorgetrage-
nen Wunsch, mich ihm vorstellen zu dürfen (wahrscheinlich auf schwarzen-
bergs eigenes Anrathen), verneinend geantwortet habe, und daß Bach nur
das odium, mir dieses zu eröffnen, schwarzenberg überlassen wolle, daher
ging ich tags darauf zu diesem, um mein urtheil zu erfahren und in gehöri-
ger Weise darauf zu antworten. Zu meinem großen erstaunen aber kündigte
mir schwarzenberg ganz kurz und mit einer unwichtig scheinen sollenden
miene an, seine majestät würden mich empfangen, und ich sollte mich deß-
halb bey grünne melden. ich ging dann tages darauf zu diesem, der aber
gestern und vorgestern (der hoffeste etc. halber) durchaus nicht zu finden
war, endlich fand ich ihn heute auf den corridors der Burg, er war sehr fidel
und schien von Allem unterrichtet, was mir eine günstige vorbedeutung zu
seyn scheint, schickte mich ins cabinett, wo ich mich aufschrieb und nun
nächster tage vorzukommen hoffe.
so wäre dann der hauptsächlichste stein des Anstoßes beseitiget, und ich
nach mehr als 2 Jahren endlich wieder rehabilitirt. die Art, wie es gesche-
hen, ist freylich keine genügende satisfaction für das unrecht, das mir in
olmütz widerfahren, aber vor der hand konnte ich nicht mehr erwarten,
und da ich jetzt leider genöthiget bin, eine Anstellung zu suchen, so mußte
vor Allem dieses haupthinderniß aus dem Wege geräumt werden. ich glaube
annehmen zu dürfen, daß dieser entschluß des kaisers nicht durch schwar-
zenberg, sondern eher gegen seinen Willen gefaßt worden ist, und reime mir
dieses mit den neuerlichen ernennungen der reichsräthe und mit manchen
anderen symptomen eines beginnenden Wechsels in seinen Ansichten zu-
sammen. ist dieses der fall, so ist mir die sache doppelt werthvoll.
der könig von griechenland ist hier und seit heute auch der großherzog
von hessen sammt gemahlinn.1 daher bey hofe Alles in Bewegung. gestern
war große Parade auf dem glacis, der ich vom Paradiesgarten aus zusah.
nachmittags die große Praterfahrt, welche außerordentlich zahlreich war,
doch wenig ganz schöne equipagen. Alles ist mit fremden überfüllt, von ve-
nedig sind ricci und tia venier hier. Auch Alexander erdödy ist aus ita-
lien zurückgekommen, doch habe ich ihn noch nicht gesehen. fritz deym ist
ebenfalls hier und war neulich bey mir.
ich besuchte neulich hartig, er schien sehr erfreut mich zu sehen, wir
sprachen lange über die jetzigen Zustände im inneren, und er ließ seiner
galle freyen lauf. von seiner neuesten Brochure wollte ich ihm nicht spre-
chen, weil wir nicht allein waren, und ich nicht wußte, wieweit er sein inco-
1 die geschwister könig otto v. griechenland und mathilde, gattin von großherzog ludwig
iii. v. hessen, waren als kinder von könig ludwig i. von Bayern neffe bzw. nichte von
erzherzogin sophie, der mutter kaiser franz Josephs.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien