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kalte und nasse tage, so daß seit dem 1. may ein einziger schöner Pratertag
war. die gesellschaft fängt nun schon an auseinander zu stieben, übrigens
war sie sehr still und scheint sich von dem langen und brillanten fasching
noch nicht recht erholt zu haben. die eigentliche Animation einer gesell-
schaft: junge lebenslustige frauen, fehlt nun einmahl hier, und da kann sich
dann nichts lange halten, ein paar salons, wo außer einigen diplomaten nie-
mand zu sehen ist, ein oder das andere mahl ein großer musicalischer raout,
wozu die halbe stadt geladen wird, voilà tout, und dabey ennuyirt sich die
ganze Welt, die italienische oper ist schlecht, fanny elssler kann kaum
mehr einen fuß heben, tout cela ne bat plus que d’une aile. Was übrigens
hier ein chronischer Zustand geworden ist. ich bedauere die hiesigen Weiber
aus dem grunde meines herzens, wenn ich ihre langweilige freudenlose exi-
stenz mit der ihrer contemporaines anderswo vergleiche.
erzherzogin sophie ist seit einigen tagen von triest zurück, und ich will
mich nun bey ihr und erzherzog franzcarl zur Audienz melden, da der kai-
ser jede Aufmerksamkeit für seine eltern sehr hoch aufnimmt, das wäre
denn doch ein gemüthlicher Zug in ihm, wenn er auch zuweilen ins Willkür-
liche streift, wie z.B. da er neulich marcus Pejachevich von hier (sub umbra
des Belagerungsstandes) ausweisen ließ, weil er erzherzog franzcarl nicht
gegrüßt habe. – – Aber es ist jetzt nicht die Zeit dergleichen zu releviren,
man kann dem jetzigen regimente nur beykommen, indem man sich fest an
den kaiser schließt. Zsédényi hat hierin den Weg gezeigt, und die ungarn,
die einzigen, die eine taktik (und zwar eine sehr geschickte) befolgen und
daher auch einfluß und terrain gewinnen, thun es ihm hierin Alle nach.
sie schreyen fortwährend: um wieviel besser der Absolutismus wäre, wohl
wissend, daß dieser unmöglich ist, oder daß, wenn er auch momentano das
jetzige system ersetzen sollte, sie nur die geschichte von 1820–1825 wieder
aufzuführen brauchen.1
übrigens wird mit den ungarn vor der hand und noch auf lange hinaus
immer nur mit vorsicht und Behutsamkeit zu gehen seyn, man kann sie
brauchen, so wie sie ihrerseits uns zu ihren Zwecken gebrauchen möchten,
aber vertrauen kann man ihnen nie, sie haben kein herz für oesterreich,
conservative so gut wie die Anderen, sie denken nur an ihr land, es bleibt
immer nur ein Provinzialpatriotismus, eine Art spießbürgerthum, daher
auch ihr ehrgeitz, ja ihr ehrgefühl nicht über die grenzen ungarns hinaus-
reicht. sie sind perfid und intriguiren mit aller Welt, mit rußland vorab,
man müßte ihnen in gewisser Beziehung luft lassen, im hintergrunde aber
1 gemeint ist der Widerstand des ungarischen Adels gegen die absolutistischen maßnahmen
der regierung und deren einlenken mit der einberufung eines verfassungsmäßigen land-
tags 1825.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien