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Mai 1851
die fuchtel zeigen. Jetzt aber arbeitet man ihnen in die hände, indem man
den Bogen zu straff spannt.
neulich besuchte ich kulmer, der die sonderbare rolle eines ungarischen
(oder kroatischen, was jetzt schon synonym ist) Altconservativen im ministe-
rium spielt, übrigens sehr viel einfluß beym kaiser haben soll. kein großes
kirchenlicht, und ein deutschenfresser, übrigens in allen fragen innerer
verwaltung ein vernünftiger practischer mann, er schimpft ganz maßlos
über Alles, was seine collegen thun, über schwarzenbergs deutsche Poli-
tik, über Bachs stümperhafte organisationen und ernennungen, dazu aber
auch noch über alle sogenannten errungenschaften: Jury, gemeindegesetze
etc. in dieser letzteren Beziehung soll der allzeit fertige Bach bedeutende
Beschränkungen in petto haben, das dürfte aber leichter gesagt als gethan
seyn. man erwartet mit spannung die Anträge der finanzcommission im
reichsrathe, über deren Berathungen nichts verlautet. das silber fiel in er-
wartung großer maßregeln neulich bis 25 %, jetzt steigt es wieder allmälig.
Was mich betrifft, so langweile ich mich hier aus allen kräften, immer die
alte geschichte: nichts zu thun, keine lust noch stimmung mich selbst mit
etwas (lecture, Arbeit etc.) zu beschäftigen, und keine sonstige Zerstreuung.
übrigens hat mein empfang beym kaiser lärm gemacht, das ist mir ganz
recht. ich will nun noch einige Zeit hier bleiben um abzuwarten, geschieht
nichts mit mir, so reise ich wieder auf einige monathe – wohin? nescio. ich
möchte gerne eine größere reise unternehmen, um mich zu zerstreuen, an-
dererseits will mich mein Arzt in ein seebad schicken, was mir aber langwei-
lig und, wäre es ein deutsches seebad, doppelt unangenehm wäre. im herb-
ste käme ich dann wieder auf einige Zeit zurück, es bleibt mir nichts anderes
übrig, als diese fatale rolle fortzuspielen, zu laviren, mich nicht vergessen zu
lassen, mich nach keiner seite hin im voraus zu compromittiren, bis mir ein
bedeutender Posten zufällt, welcher allein mir jetzt eine politische Wirksam-
keit eröffnen und auch für jede mögliche Zukunft sichern kann. Partheyen
existiren nicht, nur die ungarn ausgenommen, welche allesammt eine Par-
they bilden. einer mißtraut dem Anderen, mir mißtrauen gerade diejenigen,
mit denen ich noch am ehesten gehen könnte, und der politische horizont ist
nicht von der Art, daß man auf lange hinaus etwas berechnen könnte. hat
man aber gewalt in händen, so kann man sich derselben unter allen um-
ständen bedienen, deßwegen wünsche ich eine stellung.
nächste Woche begibt sich der kaiser nach olmütz, wohin kaiser nico-
laus kommen wird. es wird dort ein lager von 30.000 mann concentrirt, und
die Productionen sollen 8 tage währen, der kaiser hat sich fm radetzky
und den Banus bestellt und wird also möglichst glänzend umgeben erschei-
nen. Auch Wimpffen ward plötzlich hieher zitirt – weßhalb? nescio. ob in ol-
mütz auch politica verhandelt werden sollen, weiß ich nicht, jedenfalls wird
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien