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Mai 1851
steriums, von einer neuen eintheilung und organisirung des handelsmini-
steriums etc., überhaupt scheint das ganze cabinett durch Brucks Austritt
rogglicht1 geworden zu seyn.
Was mich betrifft, so möchte ich am liebsten reisen, und zwar wieder am
liebsten nach Paris, um dort in ruhe und angenehm ein paar monathe zu-
zubringen, doch kann ich mich unter diesen umständen nicht entschließen,
mich von hier zu entfernen. dazu fürchte ich auch, daß die allzeit geschäfti-
gen bösen Zungen einen Aufenthalt in Paris, dem sammelplatze aller politi-
schen refugiés, weiß gott wie verdächtigen würden. vor der hand ist auch
das Wetter noch so schlecht und beynahe winterlich, daß man an nichts der-
gleichen denken kann.
Palacky war neulich bey mir, gereizt, für die sprachlehren enthusiasmirt
und schwarzsehend wie immer, der mann ist mir langweilig, jedoch wichtig,
weil er eine starke Parthey hinter sich hat.
fanny elssler hat neulich im „faust“ getanzt, eine angenehme rückerin-
nerung an venedig.
die revolution in Portugal macht einen sehr unangenehmen eindruck, es
ist wieder so ein ominöses krachen, zudem eine militärrevolution im radica-
len sinne, und zwar eine glückliche, welche daher den militärgeist, den man
jetzt durchaus als die einzige stütze des europaeischen staatensystems hin-
stellen will, unterminirt. Ähnliches, nur mit dem entgegengesetzten erfolge,
geschah vor 8 monathen in kurhessen. übrigens ließ schwarzenberg mit
seinem gewöhnlichen tacte den minister cabral seiner sympathieen ver-
sichern und dieses öffentlich durch alle Zeitungen ausposaunen, gerade am
tag bevor die nachricht von cabrals flucht eintraf!2
in frankreich nähert sich endlich die katastrophe, wenigstens die erste
der katastrophen, ob revision der verfassung? ob nicht? in beyden fällen
wird es wieder eine allgemeine Wahl, daher allgemeine Aufregung geben,3
da ist nichts zu thun als zuzusehen und gerüstet zu seyn für den fall, als
die rothen irgendwie die herren würden und die revolution nach italien
und deutschland tragen wollten, dieses scheint auch der hauptgegenstand
in olmütz werden zu sollen, daß der könig von Preußen ausbleibt, ist ein
bedeutender schnitt durch die rechnung, indem er die solidarität der drey
großmächte in Zweifel stellt, ich sehe darin eine persönliche demonstration
gegen schwarzenberg, und da dem kaiser nicolaus an dieser solidarität vor
1 roglich – wackelig.
2 eine vom nordportugiesischen Porto ausgehende militärrevolte führte am 26.4.1851 zum
sturz der regierung unter Antonio Bernardo costa-cabral.
3 Gemeint ist der Konflikt zwischen der Nationalversammlung und dem Präsidenten Louis
napoleon Bonaparte über eine verfassungsrevision, um eine Wiederwahl des Präsidenten
zu ermöglichen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien