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Juni 1851
konnte. niemand zweifelt mehr an seinem rücktritte, recte seiner entlas-
sung, denn freywillig wird er nie gehen, neulich sagte man bereits, diese wäre
erfolgt, doch wie gesagt, dazu braucht es noch einige Zeit. Bleibt schwarzen-
berg, so erhält er irgend einen unbedeutenden nachfolger, Buol, thun etc.
im entgegengesetzten falle folgt ein ministerium Windischgrätz, kübeck,
hartig. Alles drängt jetzt auf eine entwicklung hin, im politischen wie in der
Administration, die incapacität der minister in Beydem ist schon zum Axiom
geworden, man macht sich nun schon über sie lustig. schwarzenberg allein
hat noch bey einigen leuten eine Art von nimbus durch seine novemberer-
folge (?) gegen Preußen1 und die energie seines charakters, dagegen hat er
natürlich auch die meisten und erbittertsten feinde, namentlich unter den
ungarn, daher glaube ich auch von ihm nicht, daß er sich lange halten wird.
in der finanzfrage noch immer nichts, alles wartet und nichts erscheint.
das silber hält sich immer um 28%, der reichsrath ist schon wie verschol-
len, von einem extrem ins andere, wie das der Wiener Art ist. statt Welden
ist kempen zum militärgouverneur hier ernannt, ein harter sehr strenger
mann, sagt man, nach einem nun bald dreyjährigen Belagerungsstande! la
politique de la paix.
heute besuchte ich Warrens, den redacteur des lloyd, den ich zuletzt
im october, als er bey mir war, gesehen, um ihm meine Anerkennung für
die Art auszudrücken, wie er die verfassungsfrage in wirklich vortrefflicher
Weise behandelt, seine Ansichten kommen den meinigen sehr nahe. viel-
leicht wäre es nicht uneben, wenn ich diese in seinem Blatte entwickelte,
und dazu wollte ich mir durch diesen Besuch den Weg bahnen, ohne jedoch
gleich heute davon zu sprechen.
die olmützer festivitäten haben nur 2 tage gedauert, am 29. Abends
kam kaiser nicolaus, und am 1. früh fuhr er wieder ab, es waren rein mi-
litärische feste, Paraden etc., und in folge dessen ein regenschauer von
orden, und natürlich officieller enthusiasmus, er kokettirte ein bischen mit
den ungarn, indem er, ohne eigentlich das recht dazu zu haben, die unga-
rische generalsuniform trug, und zeichnete besonders Jellachich und Jablo-
nowsky aus, diesen als Polen, jenen als slaven, unser kaiser scheint denn
doch endlich zu fühlen, welche rolle er spielt, und ich glaube nicht, daß die
entente cordiale nicht [sic] gewachsen ist, aber die noth und die sorge für
seine fleischtöpfe wird ihn seinen Ärger hinunterschlucken lassen.
[Wien] 11. Juny
Am 8., Pfingstsonntag und medardi, war ich mit Pergen bey schmerling in
Weinhaus, wo wir aßen, nach tische regnete es, wir hätten demnach auf 40
1 die olmützer Punktation v. 29.11.1850.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien