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Juli 1851
2 letzten tagen gemacht hatte, um namentlich von dem niedlichen rat1 des
kärnthnerthortheaters, fräulein güttersberger, würdig Abschied zu neh-
men.
in Prag langweilte ich mich entsetzlich, suchte mehrere Bekannte auf, die
alle abwesend waren, bloß Albert nostitz fand ich noch im letzten Augen-
blicke, und las zu meinem verdrusse in der Zeitung, daß ich eine reise nach
ostende anträte, um meine von angestrengten studien (!) angegriffene ge-
sundheit zu restauriren. diese dienstfertigen leute machen einen mit dem
besten Willen lächerlich.
um 8 uhr Abends fuhr ich also wieder weiter, in der nähe von Bodenbach
brach etwas an der maschine, wir mußten daher eine strecke Wegs zu fuße
machen und waren erst gegen 4 uhr in dresden. dort schlief ich mich im
hôtel de Berlin aus und ging dann meine Banknoten wechseln, was hier mit
etwas mehr vortheil geschehen kann als in Wien, man gab mir Wechsel auf
Paris, von denen der erste am 2. dieses monats fällig war, daher ich meinen
reiseplan so stellen mußte, nicht vor dem 30. oder 1. hier einzutreffen, pour
ne pas rester argent court in den ersten tagen meines hierseyns. um 1/2 1
fuhr ich ab, wie anders als damals im July 1848!!2 und war um 4 in leipzig,
diesem odiosen neste, um 1/2 6 gings wieder weiter nach magdeburg, wo
ich um 9 ankam und übernachtete. tags darauf, den 27., nahm ich um 3/4
10 den express train, welcher in jeder Beziehung ganz vortrefflich organi-
sirt ist, wir fuhren über Braunschweig, hanover, minden, düsseldorf nach
deutz, wo man nach 10 uhr Abends ankam, von Braunschweig bis hamm
hatte ich recht angenehme gesellschaft: eine dame mit 2 töchtern aus
schlesien und hugo henckel mit einer polnischen grisette, ich respectirte
sein incognito, doch sprachen wir miteinander.
in cöln übernachtete ich im rheinberg. die ganz fahrt namentlich durch
Westphalen war entzückend schön. Am 28. um 10 uhr früh fuhr ich ab. Am
Bahnhofe fand ich toni Wenkheim mit seiner jungen frau, die von Johan-
nisberg (metternich) kamen,3 und noch ein paar Wiener, es war ein drük-
kend heißer tag, und ich war froh, als ich Abends um 6 nach Brüssel kam,
wo ich im grand monarque abstieg. ich ging noch ins vaudevilletheater, wo
sich eine sehr hübsche Actrice zu mir in die loge setzte, jedoch sehr tugend-
haft that, ich aber war, obwol sie wirklich recht hübsch und liebenswürdig
war, nicht disponirt, diese tugend auf die Probe zu stellen.
1 rat – Mäuschen, Opernfigurantin.
2 Andrian war vorsitzender der reichsverweserdeputation der frankfurter nationalver-
sammlung, die Erzherzog Johann in Wien feierlich abholte und nach Frankfurt begleitete;
vgl. eintrag v. 12.7.1848.
3 Graf Anton Wenckheims Gattin Maria war eine Cousine von Melanie Gräfin Zichy, der
gattin von klemens Wenzel fürst metternich.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien