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Tagebücher472
Am 29., sonntag, flanirte ich in der hübschen stadt herum, ließ mich in
die gallerie cornelissen führen, wo sehr schöne flamändische Bilder sind,
etc. Abends ging ich in das theater st hubert. tags darauf um 1/4 12 fuhr
ich ab und war um 1/2 7 in Amiens, wo ich bleiben wollte, um einen tag zu
gewinnen und mir diese kleine französische stadt (das schauderhafteste aller
dinge) anzusehen. Wie man über die französische grenze kömmt, nimmt der
Wohlstand und die ausgezeichnete Bodencultur, die einem in Belgien und
norddeutschland so wohlthut, sichtlich ab, es gibt kein häßlicheres land als
frankreich, das habe ich immer gefunden und fand es dießmal wieder.
in Amiens war eben Jahrmarkt, daher Buden, geschrey, dulcamaras,
spectakel, das sah ich mir an. tags darauf besichtigte ich mir sehr en détail
die superbe cathedrale, um 2 uhr fuhr ich ab und fand auf der eisenbahn
die Wenkheims wieder, um 5 uhr waren wir in Paris.
ich hoffte am Boulevard des italiens no 7 wohnen zu können, doch war
Alles besetzt, gerade als ich aus dem hause trat, begegnete mir Pereira, der
mich in sein hôtel, das hôtel des italiens führte, wo ich Anfangs ein loch, ein
paar stunden später aber ein ordentliches Appartement bekam. mit ihm,
larisch und mattencloit, die eben von london kamen und tags darauf nach
Wien abreisten, nahmen wir eine loge in den variétés, wo ein paar char-
mante stücke gegeben wurden. die 2 nächsten tage, den 2., wo es unauf-
hörlich regnete, und den 3. verbrachte ich damit, eine Wohnung zu suchen,
endlich fand ich eine recht hübsche zu 150 francs monatlich rue rivoli 18,
wo ich dann vorgestern den 4. einzog. in demselben hause wohnt villers,
welcher seit 8 tagen als sächsischer chargé d’Affaires hier ist, was mir sehr
angenehm ist, da er Paris von grund aus kennt und ein vortrefflicher und
außerordentlich gefälliger Begleiter ist. gestern frühstückte ich bey ihm und
lernte dort einen originellen franzosen kamen, mr. de mofras,1 halb diplo-
maten, halb reisenden, legitimisten und gelehrten, dabey im ministére des
affaires étrangères angestellt, bey diesem machten wir gestern ein echt fran-
zösisches diner de garçon in vieren, nämlich noch ein dr. helmsdörfer, ein
alter Pädagog aus offenbach, ein vortrefflicher alter schulmeister. heute
vormittags, d.h. um 3 uhr, war ich mit villers im hippodrome, dem größten
und merkwürdigsten aller cirques, die ich gesehen, mit luftballonfahrten,
die jetzt hier sehr en vogue sind, und diesen Abend waren wir per eisen-
bahn in Asnières, wo in dem schönen Parke louis Xv. tausende von men-
schen sprangen, tanzten und chahutirten. neulich war ich des Abends au bal
mabille, einem ganz charmanten Belustigungsorte, und ein paarmahle im
theater. es ist zwar jetzt weniger vornehme Welt da als im Winter, jedoch
wimmelt es von fremden, und das sommerleben von Paris, welches eben in
1 wohl Eugene Duflot de Mofrat (1810–1884), Diplomat und Forschungsreisender.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien