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Juli 1851
weissagen, daß die revision nicht durchgehen wird, scheint gewiß, daß eine
abermalige Wahl louis napoleons durch das volk via facti bey der ent-
schiedenen haltung, die die nationalversammlung annehmen zu wollen
scheint, nicht durchzusetzen seyn wird, halte ich für sehr wahrscheinlich,
wer kann übrigens in frankreich irgend etwas vorhersagen?
[Paris] 21. July
diese tage habe ich ganz in der gewöhnlichen Pariser Weise verbracht: mit
Actricen, femmes entretenues etc., und dabey bedeutend viel geld ausgege-
ben. diners, theaters etc. kosten enorm theuer, du reste je ne m’en plains
pas, denn es ist wenigstens für eine kurze Zeit amusant und gehört zur cou-
leur locale, freylich bin ich wieder in den alten und mir bereits bekannten
genre der coulissen und der eleganten Weiber hineingerathen, während
meine Absicht dahin ging, mir eine hübsche grisette zu nehmen, wozu aber
viel Zeit und geduld gehört.
übrigens wird man auch dieses leben bald satt, und ich bin es schon
halb und halb, diese eleganten femmes entretenues theilen sich so ziemlich
in 2 klassen: die einen affektiren die englischen ladys [sic] nachzuahmen,
sind steif, kalt, vornehmthuend, daher langweilig, die anderen verfallen
in das andre extrem, unterhalten einen Augenblick durch ihre Zoten und
guten einfälle, ermüden einen aber bald. Alle aber haben das gemein, daß
sie im carottiren meisterinnen sind. Am besten von allen Weibern, die ich
kennen gelernt habe, gefiel mir Blanche de Rigny und nach ihr Mlle Va-
lentin vom vaudeville, die erstere gehört zu der 1. jener beyden classen,
die 2. ist ein ziemlich unangenehmes mittelding zwischen beyden, aber
sehr sinnlich schön. die einzige aber, welche ganz meinen Anforderungen
entsprach, der typus einer niedlichen graziösen Pariserinn, eine dlle Jo-
sephine cottreau destrichers, welche ich gerne nach Wien mitgenommenn
hätte (wenn ich überhaupt an dergleichen denken könnte), war bereits ver-
geben und kann daher nur kurze Besuche annehmen, ce qui ne fait pas
mon affaire.
das facit von allem dem ist, daß ich viel mehr geld ausgegeben habe,
als meine Absicht war, und daher meinen Aufenthalt in Paris abkürzen
werde. ohnehin taugt dieses leben auf lange Zeit nicht. diese Bälle mobi-
les, Château de fleurs, Asnières etc. sind ein ewiges Einerley, immer diesel-
ben gesichter. diese ganze Welt von femmes entretenues ist ziemlich klein,
in einigen Wochen kennt man sie und ist gekannt. daher kömmt es auch,
daß diese Weiber, besonders die eleganteren unter ihnen, weit mehr gênirt
sind, als man denken sollte, es wäre denn, daß man sich mit ihnen förmlich
und auf lange Zeit verheirathen wollte, was bey mir natürlich nicht der fall
seyn kann.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien