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Tagebücher476
Während ich hier bin, habe ich in Wien mit den nordbahnactien, die ich
auf speculation kaufte und die in wenig tagen von 135 auf 156 stiegen,
sehr gute geschäfte gemacht und hätte noch bessere gemacht, wenn nicht
mein Agent Herr Reitlinger, ob bona oder mala fide weiß ich nicht, sie mit-
ten während ihres steigens losgeschlagen hätte.
das einzige vernünftige, was ich hier thue, ist, daß ich wieder und zwar
auf einer reitschule reite, daß ich kaum meine Beine heben kann, in diesen
militärischen Zeiten sehr nothwendig.
ich denke also, in 10–12 tagen abzureisen und mich 3–4 Wochen in der
schweiz herumzutreiben, Anfangs september aber in Wien zu seyn. ich
wäre gern auf ein paar Wochen nach dieppe gegangen, das wäre aber nur
eine fortsetzung meines Pariser lebens gewesen. Aus Wien nichts neues,
als daß die curse des silbers ganz enorm fallen, bis auf 15%! aus welcher
ursache? kann ich mir nicht erklären und vermuthe eine krauss’sche in-
trigue, auch trat in den letzten tagen bereits eine reaction ein. eine neue
Preßverordnung ist erschienen, welche das erscheinen der Zeitungen ganz
von der ministeriellen Willkür abhängig macht. umoctroyirungen ohne
ende, ohne noth und ohne veranlassung, denn das Preßgesetz vom 17. 3.
war bey den überall florirenden Belagerungszuständen noch gar nicht zur
Ausführung gekommen, also noch nicht erprobt,1 wo bleibt die consequenz?
wo die heiligkeit des Wortes und der gesetze? übrigens je m’en lave les
mains, nur zu, man wird nothgedrungen zum Pessimisten.
von den – wenigen – hier lebenden exilirten ungarn habe ich bisher nur
gyula Andrássy gesehen, ein excellenter mensch. scherr-thoss war neulich
bey mir, fand mich aber nicht.
seit gestern scheint es endlich sommer werden zu wollen, bisher hatten
wir fortwährend kühle trübe, regnerische, wahre octobertage. merkwür-
digkeiten sehe ich gar nicht an, die habe ich zum glücke noch vom Jahre
1843 her im leibe, auch mit Politik beschäftige ich mich sehr wenig, außer
daß ich beym frühstücke (in irgend einem caffehause) und bey gali
gnani
viel Zeitungen lese, mit franzosen (die von nichts Anderem sprechen)
komme ich fast gar nicht zusammen, von französinnen nur mit frauen der
angedeuteten sorte, die sich den teufel um Politik scheeren, außer ihnen
ist mein einziger umgang villers, schloisnigg, ottenfels, ein paar eben hier
anwesenden deutsche, Andrássy etc.
das große ereigniß der vorigen Woche war die debatte über die revi-
sion, ich war den ersten tag darin, hörte falloux und mornay sprechen
1 gemeint ist das gesetz gegen den missbrauch der Presse v. 13., nicht 17.3.1849. Zur
verordnung v. 6.7.1851, womit das verbot von periodischen druckschriften neu geregelt
wurde, vgl. eintrag v. 24.1.1851.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien