Seite - 477 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Bild der Seite - 477 -
Text der Seite - 477 -
47721.
Juli 1851
und ging nicht mehr, da mir die hitze und das gedränge unausstehlich
waren, und ich Alles viel bequemer einige stunden später lesen konnte, die
Assemblée ist immer noch dieselbe Judenschule wie 1849, übrigens war sie
vergleichungsweise sehr ruhig und anständig, besonders die linke, welche
überhaupt in dieser ganzen débatte sehr gewonnen hat und in der Achtung
gestiegen ist, über die revision selbst sprach niemand, sondern immer nur
über die Frage: ob Republik oder Monarchie? Am 4. Tage fing die Rechte
(bey victor hugo’s rede) an zu toben und zu lärmen, setzte dieses dumme
manöver am 5. fort, erzwang am 6. gegen alle erwartung und verabredung
den schluß der débatte, und so wurde noch am samstage abgestimmt,
statt 3/4 der stimmen hatten die revisionisten (unter welchem nahmen die
verschiedensten Partheyen der rechten und des centrums stecken) nicht
einmahl 2/3, daher die revision verworfen ist, natürlich ein triumph der
republikaner.
heute, montag, kam die reaction gegen das taktlose Benehmen der ma-
jorität, und es wurde dem ministerium wegen der von ihm (auf eine wahr-
haft agitatorische Weise) provocirten revisionspetitionirung eine rüge vo-
tirt. ein ministerwechsel ist nun sehr wahrscheinlich, und man spricht von
odilon Barrot und falloux, beyde revisionisten. ich aß heute bey hübner
mit Piscatory und graf merode, die eben aus der sitzung kamen, noch ganz
erhitzt, und sich, der erste gehört zur opposition, der andere zu den dem
Präsidenten (vor der hand) freundlich gesinnten legitimisten, mit franzö-
sischer lebhaftigkeit und offenherzigkeit zankten. ich aber bleibe dabey:
eine monarchie ist mir für allemahle hier nicht mehr möglich, daher wird
man, ob gut oder nicht, mit der republik vorlieb nehmen oder, wenn eine
monarchische restauration, in frankreich ist momentan Alles möglich, auf
kurze Zeit gelänge, zu derselben zurückkommen müssen. louis napoléon
aber spielt eine ganz jämmerliche rolle und ist auch bey dieser debatte
wieder behandelt worden wie ein alter fetzen. übrigens sagte mir Pisca-
tory heute sehr treffend: on n’aime ici le gouvernement que quand il est
aussi bas que possible, und dieses ist allerdings ein Argument zu gunsten
napoleons. in diesem Augenblicke ist die regierung à bas und die Assem-
blée obenauf, vielleicht tritt nächstens das gegentheil ein.
sinn für gesetzlichkeit, moralischen halt haben die franzosen noch we-
niger als wir. schon jetzt fangen die regierungsblätter in ihrer Wuth über
die erlittene niederlage an der constitution zu rütteln an und steifen sich
auf die Majorität (wenn auch nicht die qualificirte 3/4 Mehrheit), welche sie
bey der revision für sich hatten, und sprechen von einer (antigesetzlichen)
Wiederwahl louis napoleons. Wahrscheinlich wird die regierung in 3 mo-
naten abermals die revision, recte Prorogation des Präsidenten versuchen,
jedoch wahrscheinlich mit noch weniger erfolg als jetzt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien