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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Seite - 478 -
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Tagebücher478 [Paris] 30. July Abends mein Aufenthalt in Paris ist zu ende. morgen früh reise ich ab, über châlons nach genf, ich hätte mich gerne in fontainebleau aufgehalten, doch konnte ich dieses, da die diligencen von chalons nur alle zweyte tage abgehen, nicht vereinigen. von genf werde ich wahrscheinlich bald nach interlaken gehen und freue mich, dort in ruhe und der herrlichen gegend ein paar Wochen zu verleben. das hiesige maitressenleben habe ich satt, mit keiner einzigen habe ich es länger als ein paar tage ausgehalten, geschweige denn, daß ich ein län- geres verhältniß mit einer hätte eingehen mögen, selbst mit der niedli- chen cottreau ging es mir nicht anders. Am festesten klammerte sich eine kleine französinn, mad. elise Prianne an mich, welche gleich damit anfan- gen wollte, mich unter ihren Pantoffel zu beugen, und mich dadurch wie durch ihr unausgesetztes carottiren langweilte, ich mußte zu einer noth- lüge die Zuflucht nehmen, um sie los zu werden. Dabey war sie aber recht angenehm und liebenswürdig, und ein paar Parthieen, die wir zusammen machten, z.B. nach s. cloud etc. waren recht angenehm. es ist immer und ewig derselbe genre: interesse und vornehmthuerey, und dennoch bleibe ich dabey, daß ich, wenn ich mir auf die Dauer eine maitresse zu wählen hätte (was ich unbedingt thäte, wenn ich ein hinreichendes unabhängiges vermögen hätte), nie eine andere als eine französinn wählen würde. Bey einem solchen gesicherten verhältnisse würden auch jene unangenehmen eigenschaften in den hintergrund treten. Anmuth, geist und natürliche angeborene grazie hat niemand so wie die französinn, ja beynahe möchte ich sagen niemand als sie. überhaupt ist nicht zu läugnen, daß an intelligenz und Bildung keine nation den franzosen gleich kommt. dieses tritt überall hervor, nament- lich in den Theatern, so sah ich gestern im Theater français les bâtons flot- tants und la fin du Roman, zwey Stücke, wie sie nur hier geschrieben und gegeben werden können. es ist eine geschmackvolle elegante geistreiche Auffassung des täglichen lebens, welche wohlthut und erwärmt. in frank- reich regieren die Weiber in großen wie in kleinen dingen, und dieses gibt ihnen die sicherheit, ungezwungenheit, liebenswürdigkeit und freund- lichkeit, welche man nirgend sonst antrifft. scherr-thoss, der ungarische emigrant aus Preußen,1 war ein paar mahle bey mir und erzählte mir viel von der ungarischen emigration. die leute hoffen fest auf 1852, halten den Zerfall oesterreichs für apodictisch 1 Der preußische Graf Arthur Seherr-Thoss war als Offizier der ungarischen Revolutions- armee unter der namensform scherr-thoss bekannt. er ging nach der niederlage 1849 ins exil.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band II
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
II
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
716
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Tagebücher 1848–1853 7
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