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August 1851
gewiß und exaltiren sich immer mehr in ihrem hasse gegen oesterreich,
namentlich aber gegen die dynastie. schade, denn es sind tüchtige leute
unter ihnen, das sagte ich ihm auch, übrigens ist die Ausdauer nicht die
stärkste seite der ungarn, und so dürfte auch da noch manche Änderung
vorgehen, ich habe hier von ungarn nur scherr-thoss und gyula Andrássy
gesehen.
heute traf ich bey villers (der seine maitresse aus dresden hat nach-
kommen lassen) den ehemaligen reichsminister merk, der mir manches
interessante vom sommer 1849 erzählte.
genf 1. August
Wie ich es vorhatte, fuhr ich gestern früh 1/2 11 uhr von Paris ab und
per eisenbahn bis châlons, wo ich um 1/2 9 Abends ankam, eine ziemlich
langweilige fahrt, obwohl die gegend hie und da, erstlich gleich bey Pa-
ris, dann bey fontainebleau, endlich die Bourgogne, namentlich um dijon,
wirklich reitzend ist. im ganzen genommen aber ist frankreich das häß-
lichste, langweiligste einförmigste land, das ich kenne (wenigstens soviel
mir davon bekannt ist), dörfer und menschen armselig, vernachlässigt und
schmutzig, wie man Paris verlassen hat, glaubt man 100 Jahre zurückge-
gangen zu seyn. man sieht, daß die franzosen keinen sinn für comfort und
Ausschmückung ihres home, ja keine liebe zu diesem home haben, wie
man dieses in deutschland, der schweiz, england etc. bey jedem kleinen
städtchen aus hunderterley Anlagen, verschönerungen etc. sieht, kurz es
ist ein unreinliches, unangenehmes, lärmendes und bey aller verfeinerung
innerlich rohes volk, das vor den italienern nur das voraus hat, daß es cou-
rage hat, aber die Weiber, die sind Alle, fast ohne Ausnahme, liebenswürdig
und reizend, die legitimen wie die illegitimen, und deßwegen ist trotz alle-
dem und alledem gut leben in frankreich.
ich bin mit einer Art katzenjammer von Paris fortgegangen und würde,
wenn ich könnte, wieder umkehren, es ist die einzige stadt, wo ich jede an-
dere Beschäftigung als die des genießens vergessen könnte (und das sollte
ja jetzt meine Aufgabe seyn!), denn es werden da nicht nur die sinne, son-
dern auch der verstand in Anspruch genommen und angenehm eingelullt,
das treiben der massen, das Zusammendrängen aller nationen der Welt,
die Politik, die unzahl anderer ereignisse auf jedem nur irgendwie denk-
baren felde, die theater, in denen eine solche menge von geist und Witz
verschwendet wird, Alles dieses und noch vieles Andere dazu erhält einen
in einer beständigen auch geistigen erregung, welche wohlthut und für den
fremden nie zu einer peinlichen spannung wird. in Paris allein kann man
das leben eines fainéants und doch ein volles, reiches, interessantes leben
führen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien