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August 1851
er wäre ein alter Generalstabsoffizier Napoléons, habe sich 1848 Carlo Al-
berto angebothen, um seine Armée zu commandiren, sey aber als un franc
républicain beseitiget worden, habe dann die toskanischen truppen com-
mandirt, gebe jetzt ein Werk über den italienischen feldzug heraus etc.,
der kerl, der mir ziemlich zuwider war, möller heißt und französisch sprach
comme une vache espagnole, endete damit, daß er mir ein Werk von ihm:
la femme telle quelle est, um 3 franken aufdrang,1 ein entsetzlich dummes
Buch, das mich aber unterwegs hieher amusirte.
Am 4. fuhr ich um 2 uhr nachmittags mit dem dampfboote ab und kam
widrigen Windes wegen erst um 7 nach vevey, dort war schon Alles in vol-
ler Bewegung, denn am 7. und 8. sollte das große Winzerfest (fête des vig-
nerons) statthaben, welches nur alle 20 Jahre gefeyert wird und heuer mit
besonderem luxus vor sich gehen soll. es wurden gerüste, tribunen etc.
gebaut etc. ich hatte keine lust diesem feste beyzuwohnen, erstlich hätte
ich dazu 2 volle lange tage in vevey mich langweilen müssen, und dann
sind dergleichen volksfeste immer ermüdend und langweilig.
überhaupt ist es diesen sommer mein schicksal, allen derley großen fe-
sten auszuweichen, die Ausstellung in london, die mich sehr interessirt
hätte, besuchte ich nicht, um unangenehme rückerinnerungen an 1848–49
zu vermeiden, Paris verließ ich in dem Augenblicke, da die feste zu ehren
des lordmayors von london und der englischen Ausstellungscommission
(vom 2. bis 6. dieses monats) beginnen sollten, was hatte ich dabey zu thun?
und als plebs mitlaufen wollte ich auch nicht.
in vevey gerieth ich zufällig in ein elendes Wirthshaus de la poste, wo
ich eine sehr unruhige nacht zubrachte. tags darauf um 9 uhr früh fuhr
ich mit der diligence ab, nach Bulle, von wo ich über saanen und durch das
simmenthal nach interlaken wollte, aber die Wolkenbrüche der vorigen
Woche hatten Wege und Brücken zerstört. das erfuhr ich erst in Bulle und
fuhr also gleich mit derselben diligence weiter bis freyburg, wo ich um 4
uhr ankam und im hôtel Zähringen mit einer herrlichen Aussicht auf die
beyden kettenbrücken wohnte, dort aß ich, ging spatzieren, hörte die orgel
im dome etc.
Auch hier wurden meine reisprojecte durch die verheerungen der letz-
ten regengüsse gestört, ich wollte über guggisberg nach thun, um einen
mir noch unbekannten Weg kennen zu lernen, da dieses nun unmöglich
war, so mußte ich über Bern fahren. ich verließ also freyburg am 6. um 9
uhr und war um 1 in Bern, fuhr von da en diligence um 4 wieder ab und
kam um 7 nach thun. hôtel Bellevue ist der reizendst gelegene gasthof in
1 georges moeller, la femme telle qu’elle est et un aperçu sur les eaux thermales de Plom-
bières de Vichi et de Bade. 3. Aufl. (Genf 1851).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien