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der Welt. leider plagten mich meine Zahnschmerzen (welche mich über-
haupt auf dieser reise unerbittlich verfolgen), daß ich die ganze nacht kein
Auge schloß.
vorgestern früh 1/2 9 fuhr ich mit dem dampfschiffe ab und ging die
strecke bis hieher zu fuße, meine Bagage, die ich dem Postconducteur
übergeben hatte, erlebte die verschiedensten schicksale und kam erst nach
4–5 stunden in meine hände.
das Wetter, welches, seit ich in der schweiz bin, herrlich gewesen, schlug
ein paar stunden nach meiner Ankunft plötzlich um, und wir haben seit-
dem keinen sonnenblick, sondern abwechselnd regen und trübe gehabt.
das erhöht den reiz des hiesigen Aufenthaltes nicht.
überhaupt mißfällt es mir hier ganz und gar, in der Pension hofstetter
wohnen nebst mir noch etwa hundert menschen, meist rothhaarige engli-
sche misses, ziemlich vulgar people, wie es scheint, und viele norddeutsche,
im ganzen ziemlich ordinäre gesellschaft, weder hübsche frauen noch an-
genehme männer, mit denen es nicht der mühe werth ist Bekanntschaft
zu machen, und doch ist man durch dieses fatale Pensionsleben aneinan-
der gefesselt, frühstückt, ißt und trinkt seinen thee mitsammen an table
d’hôte, dazu spottschlecht, wohnt ebensoschlecht und hat sonst gar keine
ressourcen irgend einer Art außer einem armseligen cabinet de lecture.
ich habe, seit ich in der schweiz bin, meinen nahmen nicht genannt,
um alle Begegnungen mit den vielen, besonders deutschen, flüchtlingen zu
vermeiden, die sich hier aufhalten, deren ich übrigens noch keinen gesehen
habe. hier in diesem gezwungenen familienleben habe ich dazu doppelt
ursache, da ich allen langweiligen Phrasen und conversationen gerne aus-
weiche. casati, den ex-Podestá von mailand, sah ich gestern hier, ob er
mich erkannte, weiß ich nicht.
unter diesen umständen werde ich nicht lange hier bleiben, für die
vergnügungen einer schweizerreise und den genuß der naturschönhei-
ten bin ich nicht mehr unschuldig genug, da sind mir die Pariserinnen, die
nichts weniger als naturschönheiten sind, lieber. ich habe daher gestern
an eduard Andrian geschrieben, um zu hören, ob er in varnbach ist und
ich ihn dort besuchen kann, seine Antwort hoffe ich in Zürch zu finden,
und werde in diesem falle ihn, vielleicht auch lerchenfeld, besuchen, im
entgegengesetzten aber langsam nachhause reisen. in den ersten tagen
septembers möchte ich auf jeden fall in Wien seyn.
Von dort Nichts Neues, ja was mir unbegreiflich ist, seit 3 Wochen keine
Briefe. Alles ruht und feiert, der kaiser kömmt seit 6 Wochen nicht zu sei-
ner polnischen reise, warum? weiß ich nicht, jedoch ist soviel gewiß, daß
er dadurch, wie er dieses schon so oft gethan, jeden enthusiasmus, wenn
der noch irgendwo existirt, todtschlägt, l’exactitude est la politesse des
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien