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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Seite - 482 -
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Tagebücher482 der Welt. leider plagten mich meine Zahnschmerzen (welche mich über- haupt auf dieser reise unerbittlich verfolgen), daß ich die ganze nacht kein Auge schloß. vorgestern früh 1/2 9 fuhr ich mit dem dampfschiffe ab und ging die strecke bis hieher zu fuße, meine Bagage, die ich dem Postconducteur übergeben hatte, erlebte die verschiedensten schicksale und kam erst nach 4–5 stunden in meine hände. das Wetter, welches, seit ich in der schweiz bin, herrlich gewesen, schlug ein paar stunden nach meiner Ankunft plötzlich um, und wir haben seit- dem keinen sonnenblick, sondern abwechselnd regen und trübe gehabt. das erhöht den reiz des hiesigen Aufenthaltes nicht. überhaupt mißfällt es mir hier ganz und gar, in der Pension hofstetter wohnen nebst mir noch etwa hundert menschen, meist rothhaarige engli- sche misses, ziemlich vulgar people, wie es scheint, und viele norddeutsche, im ganzen ziemlich ordinäre gesellschaft, weder hübsche frauen noch an- genehme männer, mit denen es nicht der mühe werth ist Bekanntschaft zu machen, und doch ist man durch dieses fatale Pensionsleben aneinan- der gefesselt, frühstückt, ißt und trinkt seinen thee mitsammen an table d’hôte, dazu spottschlecht, wohnt ebensoschlecht und hat sonst gar keine ressourcen irgend einer Art außer einem armseligen cabinet de lecture. ich habe, seit ich in der schweiz bin, meinen nahmen nicht genannt, um alle Begegnungen mit den vielen, besonders deutschen, flüchtlingen zu vermeiden, die sich hier aufhalten, deren ich übrigens noch keinen gesehen habe. hier in diesem gezwungenen familienleben habe ich dazu doppelt ursache, da ich allen langweiligen Phrasen und conversationen gerne aus- weiche. casati, den ex-Podestá von mailand, sah ich gestern hier, ob er mich erkannte, weiß ich nicht. unter diesen umständen werde ich nicht lange hier bleiben, für die vergnügungen einer schweizerreise und den genuß der naturschönhei- ten bin ich nicht mehr unschuldig genug, da sind mir die Pariserinnen, die nichts weniger als naturschönheiten sind, lieber. ich habe daher gestern an eduard Andrian geschrieben, um zu hören, ob er in varnbach ist und ich ihn dort besuchen kann, seine Antwort hoffe ich in Zürch zu finden, und werde in diesem falle ihn, vielleicht auch lerchenfeld, besuchen, im entgegengesetzten aber langsam nachhause reisen. in den ersten tagen septembers möchte ich auf jeden fall in Wien seyn. Von dort Nichts Neues, ja was mir unbegreiflich ist, seit 3 Wochen keine Briefe. Alles ruht und feiert, der kaiser kömmt seit 6 Wochen nicht zu sei- ner polnischen reise, warum? weiß ich nicht, jedoch ist soviel gewiß, daß er dadurch, wie er dieses schon so oft gethan, jeden enthusiasmus, wenn der noch irgendwo existirt, todtschlägt, l’exactitude est la politesse des
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band II
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
II
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
716
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Tagebücher 1848–1853 7
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