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August 1851
bey mir. Er ist der alte vortreffliche Mensch, der nur 2 Fehler für mich hat:
1. daß er zuviele leute kennt und mit Jedermann freundlich seyn will, 2.
daß er zuviel politisirt, was besonders jetzt und zwischen uns (er ist näm-
lich ein ultra-loyaler) zuweilen unangenehm ist.
von Bekannten sah ich sonst niemand, valentin esterhazy ist in te-
gernsee.1 münchen ist immer leer und langweilig und doppelt so zu dieser
Jahreszeit, dazu ist es cannibalisch heiß.
Ansbach 30. August
Am 25. früh 11 uhr fuhr ich mit eduard von münchen auf der eisenbahn
bis gunzenhausen, wo wir um 5 ankamen, von dort nahmen wir einen Wa-
gen und waren gegen 9 uhr Abends hier. da in eduards hause kein Platz
für mich war, so wohne ich im sterne, bin aber den ganzen tag bey ihnen.
eduard hat die hübschesten kinder, die man sich denken kann, namentlich
die mädchen. clementine ist eine auffallend schöne elegante Person, wel-
che jetzt auf einige monate in eine orthopädischen Anstalt nach Berlin soll,
um einen, mir beynahe unmerklichen, fehler in ihrem Wuchse zu verbes-
sern. übrigens hat sie auch schon ihren roman, und zwar einen ziemlich
ernsten und traurigen, dank ein paar Betschwestern und der spaltung der
confessionen.
eduard selbst ist das glücklichste heiterste sonntagskind in der Welt.
Jedermann liebt ihn und hält große stücke auf ihn, es ist nicht leicht mög-
lich, eine harmonischere Natur und Existenz zu finden als die seinige, nur
in 2 Dingen findet eine Ausnahme Statt: in Religion und Politik, in ersterer
Beziehung ist er ein intoleranter katholik, in zweyter ein leidenschaftlicher
royalist, der auch nicht selten déraisonnirt. ungeachtet dessen aber kom-
men wir miteinander sehr gut aus, und es gibt wenig menschen, für die ich
eine solche Zuneigung fühle als für ihn. Ich befinde mich daher sehr wohl
in seinem familienkreise, wenn es auch auf längere Zeit ziemlich einförmig
wäre. nach dem frühstücke wird schach gespielt etc., dann gehe ich mit
lenchen spatzieren, um 2 uhr wird gegessen. Abends sind immer einige
leute zum thee, es wird musik gemacht etc., clementine auf dem clavier,
eduard am violoncello sind wirklich ausgezeichnet. herr v. krafft, Bertha
seefried, Pappenheim, fedor crailsheim, ernst lerchenfeld etc. sind die
fast täglichen gäste. gestern war ich mit lerchenfeld bey einer öffentlichen
gerichtsverhandlung.
Von Gustav Lerchenfeld habe ich unbegreiflicher Weise noch immer
keine Antwort, so daß ich also noch nicht weiß, ob und wie ich ihn sehen
werde. Bis 5. oder 6. will ich jedenfalls in Wien seyn.
1 graf valentin esterházy war österreichischer gesandter in münchen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien