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September 1851
viel von der Widerstandsfähigkeit der deutschen regierungen im falle ei-
ner neuen revolution und noch weniger von der haltbarkeit der gegenwär-
tigen Zustände im deutschen Bunde. dabey ist er ein Preußenfeind und
will oesterreich um jeden Preis im deutschen Bunde erhalten. überhaupt
liegt den Bayern (d.i. den eigentlichen Bayern1) die definitive Erledigung
der deutschen frage nicht sehr nahe und nur um etwas weniger näher als
uns, viel näher läge ihnen eine vergrößerung Bayerns als dritte deutsche
großmacht, welche dann unser gefährlichster feind wäre.
gegen 7 uhr Abends kam ich, im fortwährenden regen, hier an, nach-
dem ich unterwegs aus Barmherzigkeit zwey hübsche Pinselmacherinnen
aus der umgegend in meinen Wagen aufgenommen hatte. meine Absicht
war nun, heute Abends über donauwörth auf der donau hinab nach Wien
zu fahren, wo ich in diesem falle am 8. angekommen wäre. doch ließ ich
mich durch lenchen persuadiren, sie und clementine, welche am 9. ganz
allein nach Berlin reisen, bis leipzig zu begleiten, womit ich eduard und
dem ganzen hause einen großen dienst erzeige. Wir werden daher am 10.
mittags in leipzig eintreffen, von wo ich dann über dresden und Prag zu-
rückkehre und wahrscheinlich am 11. Abends in Wien bin.
obwohl das Wetter scheußlich und ganz herbstlich ist, so daß wir seit
dem tage nach meiner Ankunft keinen sonnenblick gehabt haben, so be-
finde ich mich doch sehr wohl in diesem Familienkreise. Die Tante, Eduard,
Lenchen sind vortreffliche liebenswürdige Leute. Clementine ist eine ganz
charmante junge Person, die nebst dem interesse der Jugend und schönheit
auch noch das der Besorgniß für ihren Zustand erregt. ich habe darüber
offen mit eduard gesprochen und ihn auf die nothwendigkeit aufmerk-
sam gemacht, ihren gemüthszustand ins Auge zu fassen und ihr vor ihrer
Abreise, falls ihre neigung wirklich eine ernstliche seyn sollte (was man
freylich bey 17 Jahren schwer wissen kann), einige hoffnung auf die reise
mitzugeben. ich fand ihn sehr weich und ohnehin schon alarmirt. ich habe
größtentheils aus eigener inspiration, zugleich aber auch auf lenchens An-
trieb dieses unternommen, deren lieblingswunsch jene verbindung ist.
[Ansbach] 8. september
heute ist der nahmenstag der königinn, daher große Ausrückungen, got-
tesdienst, Paraden etc. des militärs, der landwehr, der Behörden etc. es
thut wohl zu sehen, daß die militärische morgue, die allgemeine gereizt-
heit und feindseligkeit, wie sie leider bey uns herrscht, hier nicht vorhan-
den ist.
1 gemeint ist wohl Altbayern im gegensatz zu den zu Beginn des 19. Jahrhunderts und
durch die Bestimmungen des Wiener kongresses erworbenen gebiete.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien