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morgen früh reisen wir, meine unterredung mit eduard hat gute früchte
getragen, es hat zwischen ihm und seiner tochter eine explication statt-
gefunden, in deren folge es besonders letzterer leicht und froh ums herz
geworden ist. mag nun der endausgang sich wie immer gestalten, so ist die-
ses doch für den Augenblick und bey clementinens physischem Zustande
ein großer gewinn. Was mich betrifft, so gehe ich, wiewohl das hiesige le-
ben ein einförmiges und eintöniges war, dennoch ungern weg. dieses fami-
lienleben behagte mir, und ich habe mich seit lange nicht so ruhig befun-
den wie jetzt. eine sehr liebenswürdige frau habe ich in Bertha seefried
kennen gelernt. gestern hatten wir ein kindertheater, wo eduards kinder,
gouvernante etc. ein französisches stück aufführten. die Abende sind wir
immer (mit alleiniger Ausnahme einer soirée bey lerchenfeld vor ein paar
tagen) zuhause gewesen in gesellschaft einiger besserer Bekannten, kar-
ten spielend etc.
Wien 14. september Abends
Am 9. früh 1/2 8 fuhren wir von Ansbach ab: eduard, lenchen, clementine
und ich, der Abschied war natürlich besonders rücksichtlich clementinens
ein schwerer, es fehlte niemand, den sie hätte vermissen können. unter-
wegs wurde eine Zeit lang im Wagen Whist gespielt, um die traurigen zu
zerstreuen. um 1/2 1 waren wir am Bahnhofe in nürnberg, wo wir aßen.
flora crailsheim besuchte uns da. um 1/2 2 wurde von eduard Abschied
genommen, und wir 3 fuhren per eisenbahn über Bamberg, culmbach, die
schiefe ebene bis hof, wo wir gegen 9 ankamen und im hirsch übernach-
teten. clementine wurde nach der ersten halben stunde heiter, ja kindisch
muthwillig, was sie auch die ganze übrige Zeit unseres Beysammenseyns
blieb, es liegen in ihr keime von coquetterie und Ambition, die ich in ihrem
familienkreise bisher nicht so bemerkt hatte, und sie erschien mir jetzt in
einem neuen lichte, jedoch nur noch liebenswürdiger.
Am 10. früh 6 uhr fuhren wir (nach einer eiskalten nacht) weiter, über
Altenburg, das gölschthal etc. nach leipzig, wo wir um 11 uhr ankamen
und von lenchens Bruder Bachmayer empfangen wurden, der nähe halber
fuhren wir nach dem elenden hôtel de rome. meine Absicht war gewesen,
denselben Abend 5 uhr weiter und zwar ohne Aufenthalt bis Wien (wo ich
sodann donnerstag 11. angelangt wäre) zu fahren. die damen aber sollten
donnerstag früh 6 uhr nach Berlin fahren, wo sie sich bereits annoncirt
hatten. im letzten Augenblicke jedoch bestürmte mich clementine, ich solle
doch den Abend noch bey ihnen bleiben, wozu ich mich, obwohl es mich ein
Bischen derangirte, endlich doch unter der Bedingung verstand, daß auch
sie ihre Abreise um einige stunden verzögerten, damit ich nicht morgen
den ganzen tag bis 5 uhr nachmittag allein in leipzig bleiben müsse. len-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien