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September 1851
chen und ich gingen auf die Berliner eisenbahn, um zu sehen, ob und wie
dieses möglich sey, und so blieb ich dann.
Wir stiegen en quatre den ganzen Tag von einem Kaufladen in den
andern. Abends um 7 führte ich die zwey damen in die centralhalle, wo
concert (für die musikalische clementine ein genuß) war. dort saßen wir,
tranken thee, und ich amusirte mich trotz der ziemlich bescheidenen un-
terhaltung an dem vergnügen und der lebhaftigkeit clementinens, welche
bey ihren 17 Jahren an Allem spaß fand und gerne bis zu morgen da sitzen
geblieben wäre. Benzoni traf ich da, der eben von Wien kam.
der vormittag des 11. wurde ebenso verbracht, indem ich bald mit len-
chen allein, dann mit ihr und ihrer Tochter herumflanirte, shopping etc.
um 1/2 1 begleiteten wir Bachmayer zur eisenbahn, der nach dresden zu-
rückkehrte. um 3 fuhren wir miteinander ab und waren um 5 in röderau,
dort theilten sich unsere Wege, und wir nahmen Abschied, der mir wirklich
sehr nahe ging. das gefühl des Alleinseyns ist mir noch nie so schwer aufs
herz gefallen als damals und seitdem in beynahe steigendem maaße, so
daß ich noch immer eine Art katzenjammer von dem gemüthlichen Ansba-
cher familienleben in mir herum trage.
nach einer stunde Aufenthalt in röderau fuhr ich nach dresden, wo ich
nach 8 uhr ankam und ohne Aufenthalt auf den böhmischen Bahnhof fuhr.
um 1/2 10 ging der Zug ab, war gegen 12 in Bodenbach, um 4 in Prag, ging
um 5 weiter und war um 3 nachmittag in Brünn, auf der ganzen strecke
sah ich keine bekannte seele, in Brünn, wo ich im fluge etwas verzehrte,
traf ich Bekannte: morzin, gablenz, Woyciechowski. nach 8 uhr waren wir
hier. ich ging noch am selben Abende einen Augenblick ins casino und fand
dieselben menschen, dieselben dummen Phrasen und gespräche wieder,
die mich nun schon seit Jahren anekeln.
gestern habe ich fast den ganzen tag mit gabrielle zugebracht, welche
eben in der stadt war. heute begleitete ich sie nach Baden, speiste bey
flore und ging dann mit emerich Bethlen spatzieren. noch nie war mir
Wien so langweilig, so unleidlich wie dießmal, wozu wohl auch die herbstli-
che saison und das schlechte Wetter beytragen mögen.
soviel ich bis jetzt in politicis sagen kann, hat der staatsstreich vom 26.
August Allgemein einen tiefen und widrigen eindruck gemacht, wiewohl an
der verfassung vom 4. märz niemandem viel gelegen war. Alles erscheint
wieder unsicher und in frage gestellt, das Anlehen, welches seit 8 tagen
aufgelegt ist, wird die folgen dieser stimmung fühlen und schwerlich voll-
ständig zu stande kommen,1 die Presse ist durch die letzten verordnungen
1 die staatsanleihe über maximal 85 mill. gulden wurde vom 9. bis 27.9.1851 zur subskrip-
tion im in- und Ausland (Amsterdam, frankfurt, Paris und Brüssel) aufgelegt. sie sollte
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien