Seite - 496 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Bild der Seite - 496 -
Text der Seite - 496 -
Tagebücher496
es als Waffe benützt werden, um mehr, vielleicht für die einheit des rei-
ches zu viel, zu erreichen. diese einheit soll übrigens auf dem Papiere fest
gewahrt und ungarn keinerley sonderstellung zugestanden werden. übri-
gens stimmen die ungarn ein lautes triumphgeschrey an und betrachten
die Jahre 1848–1850 bereits als weggewischt. kurz es ist jetzt der moment
der conjecturalpolitik, in ein paar tagen wird Alles dieses ein anderes ge-
sicht bekommen.
natürlicherweise circuliren gerüchte ohne Zahl. krauss soll in folge des
verunglückten Anlehens abtreten, als sein nachfolger ward einen Augen-
blick Bruck genannt, der eben auf seiner durchreise hier war, aber schon
abgereist ist, auch Bach soll abgedankt und durch hartig ersetzt werden, ja
sogar schwarzenberg soll austreten, die ministerien des Ackerbaus und des
unterrichtes sollen eingehen, dagegen ein Polizeyminister (fml kempen)
ernannt werden etc. Was an allem dem wahr ist? nescio. nicht unwahr-
scheinlich wäre es, daß, wenn Bach wirklich fortgejagt und durch einen
weniger fügsamen mann ersetzt würde, auch schwarzenberg, dessen di-
plomatische fiascos in der letzten Zeit immer häufiger werden, ebenfalls
zurückträte, ich glaube überhaupt nicht, daß er sehr an seiner stellung
hänge.
ein anderes gerücht, welches obwol désavouirt mir nicht unwahr-
scheinlich scheint, ist, daß in allen Provinzen generäle als militär- und
civilgouverneure ernannt werden und somit die Zügel statt gelüftet noch
straffer angezogen würden, so erzherzog Albrecht in ungarn, Windisch-
grätz für Böhmen, schlick für mähren etc. die furcht vor 1852 praedomi-
nirt über jede andere rücksicht, und deßwegen glaube ich daran. dieses
hieße aber so ziemlich brûler ses vaisseux. tegoborski hat eine Brochure
gegen die centralisation der verwaltung und den gesammteintritt in den
deutschen Bund losgelassen, an der nichts merkwürdig ist, als daß sie von
ihm, dem russischen diplomaten, geschrieben ist.1 dieß trifft natürlich hier
die wunde Stelle und erregt die Empfindlichkeit der Machthaber, die aber
keine macht mehr haben, sondern nur mehr die traurige Bestimmung, ihr
eigenes Werk zu grabe zu bestatten. da macht sich dann ihr übler humor
in den lächerlichsten rodomontaden und schimpfereyen los, z.B. gegen den
ewigen sündenbock Palmerston und gegen die türkische regierung wegen
der freylassung kossuth’s. ungeschickt und taktlos genug wurde dieser
und 45 seiner reisegefährten in demselben Augenblicke, da sie mit sang
und Klang absegelten, zu Pesth in effigie gehängt.
1 (louis [ludwik] tegoborski,) Quelques mots sur le système de centralisation appliqué à la
monarchie autrichienne et sur l’incorporation de cet empire dans la confédération germa-
nique, par un étranger, ami de l’Autriche, qui a longtemps habité ce pays (Brüssel 1851).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien