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nung, die ganz nach englischer sitte eingetheilt ist: frühstück um 11, di-
ner um 7, worauf man bis 1 uhr nachts und länger im salon bleibt. Wenn
ich kein so alter und genauer Bekannter mathildes, und sie nicht eine wirk-
lich originelle frau wäre, so wäre es da nicht lange auszuhalten, da ich aber
nebstdem das ruhige landleben so sehr gerne habe, so befand ich mich
dennoch ziemlich wohl, wir fuhren vor tische spatzieren, zur Weinlese, die
eben abgehalten wurde, etc. Am 17. mittags wollte ich abfahren, ließ mich
aber im letzten Augenblicke bewegen, noch einen tag zu bleiben.
mathilde ist eine ganz eigenthümliche frau, bey vielen verkehrtheiten
eine gesunde practische und tief gemüthliche natur, an die ich es begreife,
daß man sich sehr attachiren kann, wenn sie auch weniger schön wäre. sie
erzählte mir viel, unter anderen dingen höchst ausführlich die unglückli-
che Zichysche catastrophe, und zeigte mir eduards 5 minuten vor seinem
tode an sie geschriebenen Brief.1 Diese Frau ist die Personifikation des
Zwiespaltes zwischen der ursprünglichen menschennatur und den conven-
tionellen satzungen unserer civilisirten gesellschaft, daher sie sich auch
beyde als erbitterte feinde gegenüberstehen. ich aber kann solche men-
schen begreifen und mit ihnen sympathisiren.
Abends kamen mehrere Cuirassieroffiziere, die auch den folgenden Tag
blieben. An diesem, dem 18., fuhr ich nach 3 uhr ab. mathilde und einige
Offizire begleiteten mich zu Pferde eine Stunde weit, Mathilde, obwohl ich
und der Arzt ihr das reiten dringend abgerathen hatten. nach 7 uhr war
ich in Waitzen, in einem scheußlichen Wirthshause, wo ich eine miserable
nacht zubrachte. gestern um 1/2 9 fuhr ich mit der eisenbahn ab, fand
im Waggon edmund Zichy, in megyér kam louis károly dazu, welcher bis
Lanschitz mit uns fuhr. Von Pressburg aus fuhren noch 2 Cuirassieroffi-
ziere von Walmoden mit uns.2 nach 7 war ich zuhause, und ging noch in
die oper, sah meine kleine güttersberger tanzen und ein gerüst auf der
Bühne mit menschen etc. zusammenbrechen, doch geschah kein erhebli-
ches unglück. caroline Bentheim ist im Wochenbette gestorben! und die
arme mutter liegt im sterben, das ist ein Jammer.3
1 Es ist unklar, worauf Andrian sich hier bezieht. Gräfin Mathilde Berchtolds Schwester
charlotte war mit graf emanuel Zichy verheiratet, aus den gängigen genealogien der
familie Zichy lässt sich jedoch kein todesfall zu Andrians eintrag in Beziehung setzen.
eventuell haben die ereignisse jedoch mit dem selbstmord von charlotte Zichy kurz darauf
am 12.11.1851 oder mit der hinrichtung von graf eugen (nicht eduard) Zichy durch die
ungarischen revolutionsbehörden am 30.9.1848 zu tun.
2 inhaber des 6. kürassier-regiments war seit 1819 general graf ludwig Wallmoden-gim-
born.
3 Andrians Cousine Gräfin Caroline Waldstein-Wartenberg, seit Dezember 1850 verheiratet
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien